Frühjahr 1/2004
Natürlich hat die schlanke blonde Frau, die wir in der Kneipe Aux quatre vents im Hafen von Brest treffen, blaue Augen. Einen blauen Pulli trägt sie auch. Blau ist ihre Lieblingsfarbe, die Farbe ihrer Sehnsucht. Der Sehnsucht nach dem grand bleu, der unendlichen blauen Weite des Ozeans.
Diese Sehnsucht nach dem Grenzenlosen und der Wille, sich darin zu behaupten, waren es, die Peggy Bouchet dazu brachten, den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren, fünftausend Kilometer von den Kapverdischen Inseln zu den Antillen, mit achthunderttausend Ruderzügen in neunundvierzig Tagen. Sie war die erste Frau, der die Alleinüberquerung des Atlantik im Ruderboot gelang.
„Immer wagen, manchmal nachgeben, nie aufgeben“ – dieses Motto gab ihr Vater ihr für die großen Abenteuer ihres Lebens mit auf den Weg, als sie noch zu Hause in Savoyen, unweit des blauen, von weißen Bergen umgebenen Genfer Sees lebte. Schon das kleine Mädchen Peggy liebte die Natur und große Herausforderungen. Sie verschlang die Romane von Jules Verne, angelte in den Bergbächen Forellen und hielt nicht viel von Puppen. Viel lieber spielte sie mit Jungs, deren Spott „Das schaffst Du nie“ sie nur noch mehr antrieb. „Das schaffe ich doch!“, antwortete Peggy prompt, was ihr bald den Ruf einbrachte, selbst ein halber Junge zu sein. Und sie träumte von Reisen in die Ferne.
Nach dem Abitur gewinnt die Jurastudentin 1992 ein Stipendium für eine Arbeit mit dem ungewöhnlichen Thema: „Der gesetzliche Schutz von schwarzen Perlen auf Tahiti.“ Sie reist nach Polynesien und entdeckt ihre Leidenschaft für das weite blaue Meer. Nach einer Ausbildung in Navigation und Seelogistik in Plymouth vertieft Peggy sich in die Berichte der großen Seeabenteurer unserer Zeit: Florence Arthaud, die als erste Frau im Einhandsegler den Atlantik überwand, oder Gérard d’Aboville, der als Erster Atlantik und Pazifik mit dem Ruderboot überquerte. In ihr reift der Wunsch, es ihren Helden nachzutun. Dafür kommt aber nicht irgendein Meer in Frage, sondern nur der Atlantik, der mythenumwobene Ozean, der bis ans Ende der Welt zu reichen schien, bis Christoph Kolumbus vor mehr als fünfhundert Jahren bewies, dass auch jenseits des großen Wassers Land ist.
Also Umzug ans „andere“ Ende der Welt, nach Brest. In der bretonischen Hafenstadt mit ihren rauen Seeleuten und Fischern fühlt Peggy sich wohl. Der Entschluss, den Atlantik zu überqueren, steht nun fest, sie will das ganz große Abenteuer erleben. Segeln kommt nicht in Frage: Dafür hätte sie jahrelang trainieren müssen. Also rudern: Rudern erfordert keine besonderen Kenntnisse. Und es gilt als Männersport, ein Aspekt, der Peggy besonders herausfordert.
Sie zögert zunächst, ob sie es allein wagen oder ob sie, aus Sicherheitsgründen, jemand zweites an Bord nehmen soll. Doch sie entscheidet sich fürs Solo. Sie will nicht abhängig sein, von niemandem und erst recht nicht von den Schwächen eines anderen. Und sie will allein sein, allein mit dem Ozean. Zur Vorbereitung auf die weite Reise gehört eine Überquerung des Atlantik mit drei Freunden im Segelboot - „um den Weg zu erkunden und die Sterne lesen zu lernen“. Peggy absolviert auch Meteorologie- und Funklehrgänge. Außerdem muss sie Sponsoren finden, ein besonders leichtes, aber solides Boot erwerben und umbauen. Das Boot heißt Sector no limits – Peggy will Grenzen überschreiten, und es strahlt von einem grellen Gelb, das natürlich mit blauen Streifen durchsetzt ist! Außerdem muss noch Proviant für die drei Monate dauernde Fahrt organisiert werden: Peggy entscheidet sich für 15 verschiedene, gefriergetrocknete Menus mit Reis, Nudeln oder Gries sowie für einige Delikatessen wie Leberpastete und Süßigkeiten für schwierige Tage, zwanzig Liter Limonade- und Colagetränke sowie zwei Pumpen, um das Wasser zu entsalzen. Alles in allem kommt sie auf 75 Kilo Nahrungsmittel, zuzüglich neunzig CDs und zehn Bücher sowie Audiokassetten, darunter Komikfilme, denn Peggy lacht gerne, und auch ein Film wie Im Rausch der Tiefe darf natürlich nicht fehlen.
1998, Peggy Bouchet ist 24 Jahre alt, ist es so weit. Bei dieser ersten Überfahrt rudert sie von den Kanarischen Inseln aus los, mit ihrem Boot, acht Meter lang und 280 Kilo schwer plus 420 Kilo Ballast bei Beginn der Fahrt. Die Kabine ist zwei Meter lang, ein Meter breit und achtzig Zentimeter hoch. Damit hat sie zwei Quadratmeter, auf denen sie die nächsten Wochen leben wird (...)
Sie rudert, neun Stunden täglich, macht nur alle zwei Stunden eine Pause. Zwischen sechzig und hundert Kilometer pro Tag. Sie erlebt intensive Momente des Glücks, allein mit dem Meer und dem Licht, das sich so vielfältig in ihm bricht.
Noch 75 Seemeilen bis zum Zielhafen Pointe-à-Pitre auf Guadeloupe, der nächste Tag wird der Tag ihres Triumphs sein! Da passiert es: Das Meer ist schwarz und bedrohlich, ein gewaltiger Seegang treibt das Boot voran, das von einem sechs Meter hohen Brecher erwischt wird. Das Boot kentert, Peggy fällt ins Wasser. Fünfzehn Mal muss sie tauchen, um wenigstens das Rettungsmaterial aus dem kieloben treibenden Boot zu holen. Sie schießt die Signalraketen ab - und weiß doch nicht, ob jemand sie sehen wird. Neun lange Stunden wartet sie. Ihr Leben hängt nur noch an einem dünnen Faden. Peggy wird gerettet, aber sie hat die Übermacht des Ozeans gespürt, hat nachgeben müssen.
Aufgegeben hat sie aber nicht. Sechs Monate später fasst sie den Entschluss, es noch einmal zu versuchen. Sie kann nicht mit ihrer Niederlage, der Last des Nicht-zu-Ende-Geführten, leben.
Im November 1999 rudert Peggy Bouchet erneut los, diesmal von den Kapverdischen Inseln aus. Die unbeschwerten Glücksmomente sind bei dieser zweiten Ozeanüberquerung seltener. Immer wieder ist die Angst da zu kentern. Sie weiß, dass sie sich diesmal keine einzige Nachlässigkeit leisten kann. Während der 49 Tage auf dem Atlantik nimmt Peggy viel auf sich, unter Einsamkeit leidet sie nie. Sicherlich gibt es schwierige Augenblicke, nachts vor allem, wenn der Rücken weh tut und die Ängste erwachen. Doch sie bleibt Herrin ihrer selbst: „Ich will mich nicht damit begnügen, einfach zu leben. Ich will handeln, nicht erdulden. Sterblich sein heißt, das Leben zu riskieren; wirklich leben heißt, seine Risiken selber auszusuchen.“ Konzentriert steuert sie ihr Boot – und kann im Januar 2000 ihren Sieg feiern.
Nach der erfolgreichen zweiten Atlantiküberquerung wird Peggy Bouchet von den Medien als „Sirene des Atlantik“ gefeiert, Staatspräsident Jacques Chirac lobt ihren „außerordentlichen Mut“, und der Premierminister Lionel Jospin hebt ihren Sieg über den Zweifel hervor: „Sie haben auf Ihre Art die Idee vorangetrieben, dass Frauen ihren Platz in der Gesellschaft uneingeschränkt einnehmen sollen.“
Wenn Peggy heute in der Kneipe Aux quatre vents, wo sie jeder kennt und voller Respekt grüßt, von ihrer zweiten großen Fahrt erzählt, leuchten ihre Augen intensiv blau. „Das Meer, das ist alles. Das sind die Launen, das Sanfte, die Schmerzen. Das sind die Stürme und die Stille. Es ist fast wie in einer Beziehung zu einem Mann. Wenn man verliebt ist, akzeptiert man alles.“
Peggy Bouchet tritt dem Ozean nicht mit der Siegesgewissheit und der Arroganz der Eroberer gegenüber. Das Meer erfordert Demut: „Man ist völlig entblößt, man kann nicht lügen, man entledigt sich alles Oberflächlichen und Unnützen. Man weiß, dass man ihm nie überlegen sein kann. Man muss mit dem Meer mitgehen.“ Vielleicht deshalb hat sie die Belastungen der Überquerung durchgehalten. Hinzu kam der eiserne Wille: „Ich dachte nur an das Ziel.“ Der Ehrgeiz und dann der Stolz, etwas zu schaffen, was bisher keiner Frau gelungen ist, spornten sie an.
Peggy Bouchet behauptet sich weiterhin als Unternehmerin von „Odyce“, einem „Ein-Frau-Unternehmen“, das im Bereich Logistik und Kommunikation arbeitet und mit dem sie ihr Image pflegt. Odyce“ steht nun für die Lust auf Reisen und Abenteuer. Außerdem ist sie immer wieder unterwegs, um Vorträge über ihre Atlantiküberquerung zu halten.
Aufgeben wird sie nie. Aber, wer weiß? Vielleicht wird sie noch einmal der Versuchung des Ozeans vor ihrer Tür in Brest nachgeben und ein neues Abenteuer wagen.
Vorabdruck aus: Florence Hervé, Frauen und das Meer. Fotos von Katharina Mayer, Gerstenberg-Verlag Hildesheim 2004, 39,90 €.
Geburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin