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Frühjahr 1/2004

Mit Peitsche, Shorts und Maske

Fearless Nadia - die Rächerin von Bollywood

Für die gute Sache Kerle über dem Kopf schwingen und verprügeln, welche hat davon noch nicht geträumt? Im indischen Kino der 30er und 40er Jahre verkörperte Fearless Nadia als erste Stuntfrau Indiens diesen Frauentraum und wurde damit zum Idol beider Geschlechter. Nadia war in Bollywood die erste Action-Heldin. Die Frauenrollen waren bis dato dem Frauenbild Indiens entsprechend demütige und zurückhaltende Figuren, deren einziges Ziel im Leben der Hafen der Ehe war. Nadia übernahm als erste Frau Rollen, die niemals in eine Ehe mündeten und lediglich am Rande Romanzen zuließen. Neu war auch, dass Nadias Körperlichkeit und Stärke so im Vordergrund standen, einerseits durch die gefährlichen Stunts, andererseits aber auch durch ihre erotisch knappen - selbstentworfenen - Outfits. Dabei nahm niemand ihr übel, dass sie pummelig war und schon damals nicht den Idealmaßen entsprach. Das indische Publikum betrachtete Nadia als eine Inderin - trotz ihres europäischen Äußeren und trotz ihrer Abstammung und obwohl sie durch „Hey“-Rufe und knappe Dialoge bekannt wurde. Zunächst reichte ihr Hindi nicht für längere Dialoge, später gehörte die Wortkargheit zu ihrem Image als Frau der Tat und nicht der Worte. Ihre Produzenten, die Wadia-Brüder, inszenierten sie als eine Art weiblichen Robin Hood, als Kämpferin für die Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung und Korruption. Vor dem Hintergrund einer erstarkenden Freiheitsbewegung in Indien gegen die Kolonialmacht Großbritannien verstand das Publikum ihre Filme so auch als politisches Statement.

Von Nonnen und Balletttourneen

Mary Evans, so ihr bürgerlicher Name, wurde am 8. Januar 1906 in Perth in Australien geboren. Ihr Vater war britischer Soldat, ihre Mutter eine griechische Bauchtänzerin, die mit ihrer Familie gebrochen und nach Australien gegangen war. Kurz nach dem Umzug der Familie nach Bombay starb der Vater im ersten Weltkrieg und ließ seine Familie unversorgt zurück. Marys künstlerische Ader zeigte sich früh: Die Nonnen ihrer katholischen Mädchenschule nutzten ihren Gesang gerne für Soloparts in Schulaufführungen. In ihrer Zeit in Peschawar an der pakistanischen Grenze entdeckte Mary ihre Leidenschaft für‘s Reiten und organisierte erste Tanzveranstaltungen für die dortige Garnison. Zurück in Bombay schließlich gab sie ihren Sekretärinnen-Job auf, um statt dessen mit ihrer Ballettschule auf Indien-Tournee zu gehen. Vor diesem Abenteuer hatte Mary eine Tarot-Wahrsagerin befragt, die ihr eine erfolgreiche Karriere voraussagte, Glück im Privatleben jedoch nur unter der Bedingung, dass sie sich einen Künstlerinnennamen zulegte. So fand sich mit Hilfe der Karten der Name Nadia. Im Laufe der Tour mauserte sie sich vom Chorus-Girl zum Star der Truppe, denn sie begann mit Soloparts die Programmlücken zu füllen, die durch Abgänge anderer Tänzerinnen entstanden. Als sie schließlich die Tanztruppe verließ, trat sie als Vor- und Beiprogramm in Kinos auf, wo sie Sketche und Akrobatik aufführte und Stummfilme mit Geräuschkulissen versah.

Die Stunt-Queen hält Hof

Einer der Kinobesitzer empfahl sie den Brüdern und Filmproduzenten Wadia der Firma Wadia-Movietone. Obwohl das erste Treffen keine „Liebe auf den ersten Blick“ zwischen Produzenten und Schauspielerin war und die Probeaufnahmen Nadias schlechtes Hindi offenbarten, entschloss man sich zur Zusammenarbeit. Es passte gut, dass Nadia sportliches Talent und Wagemut mitbrachte und die Wadia-Brüder sich - von Hollywood inspiriert und gegen die Erwartungen ihres Millieus - zunächst auf Action-Stuntfilme spezialisierten. So durfte sie nach nur wenigen Nebenrollen die Hauptrolle in „Hunterwali“ (Jägermädchen - 1935) spielen, einem Film mit zahlreichen Stunt- und Kampfszenen. Homi Wadia begann die Dreharbeiten mit einer Szene auf einem fünf Meter hohen Dach, auf dem Nadia Polizisten verprügeln und von dem sie dann auf eine kleine Matte hinunterspringen sollte. Nadia sprang ohne zu zögern - nicht ohne die Studio-Belegschaft zu veralbern, in dem sie danach kurz so tat, als könne sie sich nicht mehr bewegen. Aus diesem Anlass bezeichnete Homi Wadia sie als die Furchtlose - Fearless - und schuf so ihren neuen Namen Fearless Nadia. Hunterwali ist die Geschichte der Königstochter Madhuri, deren Land und Königsvater von dem bösen Minister Ranmal bedroht wird. Madhuri beschließt das Land zu retten und ihren Vater aus den Fängen des Ministers zu befreien - sie greift nach der Peitsche, nennt sich fortan Hunterwali und muss viele Kämpfe bis zum Happy End bestehen. Als Prinzessin trägt Nadia in diesem Film Saris, als Hunterwali trägt sie Maske, knappe Shorts, Schachtstiefel und Fellmütze, die Peitsche war ihr Kampfgerät. Die konservativen Kinos boykottierten den Film: eine weiße Frau, die indische Männer verprügelt und das noch in unzüchtigem Outfit! Die Wadia-Brüder mussten die Erstvorführung selber finanzieren - dann war der Film ein Selbstläufer. Das Publikum liebte Nadia und Masken, Peitsche und Filmbildchen fanden reißenden Absatz. Anstatt alle ihrer 41 Filme zu präsentieren genügt vielleicht der Hinweis, dass die meisten nach einem ähnlichen Schema wie Hunterwali funktionierten. Sei es, dass sie als Bahnhofsvorstehertochter gegen die korrupte Luftfahrtgesellschaft kämpft und damit ihren Vater vorm Mordverdacht befreit (Miss Frontier Mail - 1937), sei es, dass sie in einer Doppelrolle als tapferer Zwilling Schwester und Vater aus den Klauen eines Fieslings rettet (Muquabla - 1942). Für die Filme trug sie ihre Widersacher umher, auch auf Zugdächern, schwang sich an Lüstern und Lianen und boxte sich durch ganze Heerscharen von Gegnern. Wie JamesBond war sie in jeder Situation überlegen und technisch hervorragend ausgestattet mit Fahrzeugen, Elektroapparaten und Spionagegeräten. Fast alle ihrer Stunts drehte Nadia ohne Double. Sie erarbeitete sich so großen Respekt bei Film-Team und Publikum. Auch Gesang und Tanzeinlagen gehörten in ihre Filme - allerdings eignete sich Nadia nicht für die romantischen Gesänge der üblichen Heldinnen. Die Wadia-Brüder passten so manchen Film inhaltlich an, damit Nadia singen, Akrobatik und Zigeunertänze zeigen konnte.

Eine fruchtbare Verbindung

Nadias Privatleben ist ebenso ungewöhnlich: Schon als sie 18 ist, taucht in der Familie ein Säugling, Bobby, auf, der mal als Nadias Cousin, mal als ihr Bruder oder als Findelkind beschrieben wird, tatsächlich aber wohl ihr uneheliches Kind ist - und von ihr und Homi Wadia 1872 adoptiert wird. Jahrelang ist sie heimlich liiert mit Homi Wadia. Seine Familie toleriert die Verbindung zunächst nicht. Nadia ist keine standesgemäße Partie, die Familie tut sich schon schwer genug damit, dass die beiden Söhne triviale Unterhaltungsfilme drehen. Kino-Branche und besonders die Schauspielerinnen gelten als anrüchig, eine verheiratete Schauspielerin ist undenkbar. Erst 1947, Nadia ist bereit 37 Jahre alt, akzeptiert die Familie sie offiziell auf einer Familienfeier. Als Angehörige der liberalen Parsen-Religion ist die Familie schließlich doch offener als hinduistische oder muslimische Familien. Nicht ohne Grund sind es die Wadia-Brüder, die in Anlehnung an amerikanische Serienheldinnen wie Pearl White Filme mit einer starken Frau in der Hauptrolle produzieren. 1960 schließlich macht Homi Wadia Nadia einen Heiratsantrag und beendet damit ihre langjährige Filmkarriere. Doch als Homi Wadias Produktionsfirma sich Ende der 60er Jahre in einer Krise befindet, kommt Nadia noch einmal zurück auf die Leinwand, um das Studio zu retten. Mit 62 Jahren spielt sie 1968 in Khilari, einem Agentenfilm, eine Top-Spionin und hat noch einmal Erfolg.

Schließlich wird sie noch Guru der indischen Fitness-Welle. Bis ins hohe Alter trägt sie gewagte Outfits mit Leopardenmuster, Krücke hin oder her. Ihr Humor ist bis zuletzt geschätzt. 1994 setzt ihr Enkel Riyad Wadia ihr ein Denkmal mit seinem Dokumentarfilm „Fearless - The Hunterwali-Story“, dessen Erfolg sie zu Tränen rührt. 1996 stirbt die Furchtlose.

Jessica Puhle


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