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Frühjahr 1/2004

Schatten


Schaurige Schatten werfen die dunklen Seelengespenster in die Nachtträume. Salonlöwen wandern über Schlick und schweben ohne Schatten durch eine Nacht, die keineswegs dunkel ist, sondern schmierig. Sie rutscht an den Wänden ab, wenn sie dagegen greift. Bücher kleben aufeinander und streichen vor den Schatten die Segel. Sie wirft selbst einen Schneckenschatten, der auf der Wand klebt. Bücherschatten dringen in ihr Gedächtnis, Stapelwörter werfen klein gedrungene Schatten auf die Buchseiten, stehen hoch, werfen sich zwischen die Blätter, sie sperren sich gegen das Zuklappen, die Bücher. Flache Zeitungen, Bilder, Zeitungsbilder legen sich hin, ohne aufdringlich zu werden. Sie werden von Buchstaben gerahmt. Buchstaben werden zu Wörtern, Wörterschatten werden zu Sätzen, dann wird es dunkel um sie im Gehäuse des Bucheinbandes. Um dein Gesicht war ein dunkler Schatten, nicht der unter den Augen, nicht der deiner Haare, es war ein eckiger Schatten, den du erst dann warfst, als du ein Buch vor Augen, in deinen beiden Händen hieltest. Wie findest du dich mit Schatten, wenn du davon hörst, dass du einen wirfst, ohne je selbst davon etwas sehen zu können? Buchstaben vor Augen, Satzzeichen im Blick, die verdunkeln, die stehen bleiben. Wann wirst du selbst sehen, dass sie verschwunden wäre ohne den Schatten? Sie spazierte über Buchstabenreihen mit den Augen. Du warst dabei mit deinem Schatten. Erst das Lesen, wenn du daneben sitzt, macht ihr einen Sinn. Sie war doppelt, konnte sich selbst nicht mehr von ihrem dunklen, eindimensionalen Ebenbild unterscheiden. Sie warf sich in den Schatten, der Schatten sprang wieder weiter, stolperte, sie stürzte, die Bilder auf der weißen Wand gerieten in Bewegung, blieben nicht mehr flach. Sie wütete gegen ihren Schatten, sie wollte ihn weg, sie wollte ihn sehen, sie löschte das Licht, da warf der Mond über einsame Inseln ein silbergraues Licht, und sie sah wieder einen Schatten, Wörterschatten, Körperschatten, Buchstabenschatten. Sie konnte nicht fliehen. Es war der Mond, der auch ohne künstliche Beleuchtung ein doppeltes Bild von ihr entwarf. Ginge das weiter mit einem Schattenspiel am Himmel?

RENATE NEUMANN


Aus: Du weckst die Nacht. Prosaminiaturen, Ahasvera Verlag Neuss 1994.


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