Frühjahr 1/2004
Alleine reisen - erst im 18.Jahrhundert begannen vor allem wohlhabende und ungebundene Frauen damit, z. B. die britische Adelige Elizabeth Craven, Annemarie Schwarzenbach oder Ella Maillart. Auch Gertrude Lowthian Bell (1868 - 1926) passt als Ledige aus einer Industriellenfamilie dazu. Viele dieser Frauen schrieben über ihre Reiseerlebnisse und veröffentlichten sie, so z. B. Flora Tristan, Agnes Smedley oder Maria Leitner. Gertrude Bell führte diese Schreibtradition mit ihren Reiseberichten ebenso fort, wie die Tradition der Forschungsreise mit ihren Texten zur Archäologie im Mittleren Osten. Keine andere Frau aber gestaltete derart mächtig die politischen Geschicke ihres Reiselandes wie Gertrude Bell es tat.
Von Superlativen und Widersprüchen
Gertrude Bells Leben liest sich wie eine Liste der Superlative: Als eine der ersten Frauen studierte sie in Oxford und bestand die Examina in Moderner Geschichte mit Auszeichnung. Als Alpinistin erklomm sie mit karger Ausrüstung diverse Alpengipfel, darunter den Mont Blanc, und freute sich sehr, als ein Vorgebirge nach ihr „Gertrudes Gipfel“ benannt wurde. Ihre lebenslange Leidenschaft aber galt ihren Reisen und dem Leben im Orient, das schließlich dazu führte, dass sie die Ländergrenze Iraks festlegte und den ersten irakischen König inthronisierte. Ihr Leben ist dabei reich an Widersprüchen. So beanspruchte sie bei ihren Reisen wie ein Mann behandelt zu werden, engagierte sich in Großbritannien aber in der Anti-Suffragettenbewegung. Interessierte sie sich anfangs auf ihren Reisen kein bisschen für die Situation der Frauen, setzte sie sich später für die Mädchenbildung im Irak ein. Sie fühlte sich bei ihrer Arbeit als „Mann“, aber ihre Stellung als Frau prägte ihr Privatleben: So war ihre erste Liebe den Eltern nicht recht, die zweite Liebe ungelebt, weil "er" verheiratet war. Beide Männer starben noch während ihrer Beziehung zu Gertrude, die dritte und letzte große Liebe gab ihr einen Korb. Bei jedem Liebeskummer stürzte Gertrude sich in Arbeit. Ihre Höchstleistungen im öffentlichen Leben sind deshalb auch Ergebnis ihrer privaten Niederlagen. Sie galt einerseits als schwierig, Vita Sackville-West beschreibt Gertrude aber auch so: “Sie hatte die Gabe, jeden mit ihrem Eifer anzustecken, allen das Gefühl zu geben, dass das Leben voll, reich und aufregend ist.“ Noch in den 90er Jahren trifft Bells Biographin Wallach Menschen, die sich an Gertrudes autoritäre Stimme, ihren durchdringenden Blick, ihre roten Haare und die modischen, verspielten Kleider erinnern.
Gertrude Bells größte Liebe: Der Mittlere Osten
Ihre Faszination für den Mittleren Osten beginnt mit einem Besuch in Persien 1892 bei ihrem Onkel Frank Lascelles. In Teheran verliebt Gertrude sich nicht nur in das Land, sondern auch in Henry Cadogan. Als lebenslange Vatertochter und Victorianerin macht sie die Verbindung von dem Urteil ihrer Eltern abhängig, die die Hochzeit verbieten. Unglücklich kehrt sie nach London zurück, verfasst ein Buch über ihre Reise (Persian Pictures) und wartet darauf, dass sie Cadogan heiraten darf. Im Oktober 1893 erhält Gertrude die Kunde von Cadogans Tod. Sie übersetzt die Gedichte von Hafiz, die sie mit Cadogan gelesen hatte und veröffentlicht sie. Nachdem ihre engste Freundin im Kindbett stirbt, beginnt sie erneut zu reisen. 1899 fährt sie nach Jerusalem zu Bekannten, um Arabisch zu lernen. Sie spricht bereits französisch, italienisch, deutsch, persisch und türkisch. Sie beklagt sich: Mit Arabisch kämpft sie einige Wochen, bis sie „1001 Nacht“ zum Vergnügen liest. Starker Kaffee und Zigaretten helfen ihr dabei und bleiben lebenslange Begleiter. Von Jerusalem startet sie erste archäologische Expeditionen und macht die ersten diplomatischen Erfahrungen, als sie einen türkischen Beamten bei einem Kaffee dazu bringt, ihr Geleit zu zusichern. Ab da plant sie immer gewagtere Wüstentouren. Die meisten erfordern, dass sie sich mit den ansässigen Stämmen arrangiert. Sie sitzt immer häufiger mit Stammesfürsten, Scheichs und Scherifs bei Kaffee und Zigarette in deren Zelten, unterhält sich und regelt ihr Angelegenheiten mit intimer Kenntnis der Gepflogenheiten und diplomatischem Geschick. Die Oberhäupter empfangen sie, obwohl sie eine Frau ist, wohl wegen ihrer ungewöhnlichen Erscheinung, aber auch wegen der Selbstverständlichkeit, mit der sie vorspricht, dem Respekt für ihr Gegenüber und dem Spaß, den sie an diesen Begegnungen findet. Neugierig saugt sie alle Informationen auf und detailversessen beschreibt sie in ihren Tagebüchern und täglichen Briefen die winzigsten Kleinigkeiten. Nicht umsonst dichtet ihr Freund John Van Ess über sie:
G is for Gertrude, of the Arabs she‘s the Queen,
And that‘s why they call her Um el Mumineen, (Mutter der Gläubigen)
If she gets to Heaven, (I‘m sure I‘ll be there)
She‘ll even ask Allah, ‚What‘s your tribe, and where?‘.
Bei ihren Reisen lernt sie den verheirateten Offizier und Diplomaten Dick Doughty-Wylie kennen. Beide schreiben sich seit 1913 leidenschaftliche Liebesbriefe. 1915 stirbt Doughty-Wylie im Krieg gegen die Türken bei Konstantinopel. Gertrude ist am Boden zerstört. Der Krieg im Mittleren Osten weitet sich aus. Gertrude wird mit ihren Kenntnissen des Gebietes, der Stämme und ihrer Führungspersönlichkeiten nun wichtig für die britische Regierung. Eine kleine Abteilung des militärischen Geheimdienstes in Kairo stellt sie an, um den Norden Arabiens zu topographieren. Sie erstellt auch Stammbäume, charakterisiert Menschen, die sie kennt, und gibt politische Einschätzungen ab. Gegen das Misstrauen ihrer männlichen Kollegen und gegen ihre Trauer stürzt sie sich in die Aufgabe. Gertrude wird im Laufe ihrer Tätigkeit in Kairo, Basra und Delhi während des 1. Weltkriegs zum ersten weiblichen politischen Offizier, nach Kriegsende Oriental Secretary und Commander of the Order of the British Empire. Nicht mit allen Offizieren und Vorgesetzten versteht sie sich gut. Einige ertragen es nicht, dass sich eine Frau in „ihre“ Angelegenheiten mischt, andere werfen ihr vor, sich mehr als Araberin denn als Britin zu verhalten. Tatsächlich genießt sie auch bei den politischen Machthabern im Mittleren Osten ein großes Vertrauen. So empfängt der sunnitische Führer, der Nakib von Bagdad, sie als einzige Frau unverschleiert. Chatun nennen sie die Araber, das ist eine Lady, die dem Interesse des Staates ihre ganze Aufmerksamkeit widmet. Die Stammesfürsten konsultieren sie in eigener Sache. Zu recht, denn Gertrude verfügt über politische Weitsicht. Als die Balfour-Deklaration den Juden das Recht auf eine Heimat in Palästina zugesteht, stellt sie nach Gesprächen mit Zionisten und Moslems in Jerusalem fest: „... soweit ich es beurteilen kann, legen wir hier den Keim für eine Zwietracht, die das ganze Jahrhundert überschatten wird“. Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere werden die Grenzen Iraks nach ihrem Vorschlag gezogen und sie nimmt als einzige Frau an Churchills Kairoer Konferenz von 1921 teil, die sich mit der Situation des Mittleren Ostens beschäftigt. Zu Gertrudes Zufriedenheit entscheidet die Konferenz, Feisal als König Iraks zu unterstützen. Ihrer Ansicht nach ist er der einzige mit dem Potential den Irak zu einen. Feisal stammt jedoch aus Syrien und kennt Irak nicht. Gertrude führt ihn nach seiner Ankunft bei der politischen Oberschicht ein und bringt ihm alles über das Land und die Verhältnisse bei. Sie ist “Königsmacherin“ und enge Vertraute. Nach und nach verliert Gertrude ihre politische Bedeutung jedoch, Freunde ziehen aus Bagdad fort, ihre Familie steht vor dem finanziellen Ruin, ihr Bruder stirbt, ihre Gesundheit und Schlaflosigkeit machen Gertrude zu schaffen. Einzig der Aufbau des Archäologischen Museums in Bagdad bleibt ihr. Drei Tage vor ihrem 58. Geburtstag legt sie sich abends schlafen und nimmt mehr Schlafmittel als sonst.
Jessica Puhle
Geburtstag
Margherita von Brentano (1922-1995) deutsche Philosophin