Frühjahr 2/2005
Endlich schön werden! Dafür haben sich zahlreiche Frauen für „The Swan“ beworben. Die 16 Auserwählten lassen sich zwei Monate kasernieren, um eine Art Runderneuerung zu genießen.
Sie werden zunächst von einem Olymp von Experten begutachtet, allen voran Schönheitschirurg und Zahnästhet, die über Erfolge reden und über Risiken schweigen. Hinzu kommen Ernährungsberaterin, Fitnesstrainer, Motivationstrainer und Psychologin, die als Alibi dem Ganzen den Anstrich von Gesundheitsförderung verleihen sollen. Gemeinsam entscheiden diese auf Basis von Wunschzetteln, was denn nun bei Heike, Sabine … an Zähnen, Busen, Figur so gemacht werden soll. Zusätzlich verordnen sie Ernährung und Fitnessprogramm, dem die Frauen sich unterwerfen, um schließlich „endlich schön“ wieder sich selbst und Ihren Liebsten gegenüberzutreten.
Die Zeit gestaltet sich als eine Art Prüfung, bei der sie beweisen, wie hart sie an sich arbeiten. In jeder Folge wurden zwei Frauen während dieser 2 Monate gezeigt. Sie lachen zusammen, weinen zusammen und werden schließlich daran gemessen, wer härter an sich gearbeitet hat. Denn es kann nur eine geben! Diese wird als „Schönste im ganzen Land“ aus der Sendung hervorgehen. Die erste Schönheitskönigin ist inzwischen gewählt, eine nächste Staffel bereits geplant.
Leider ist es ja schon ein vertrautes Bild, dass Sendeformate Gefühlsexhibitionismus zu ihrem Erfolgsrezept gemacht haben. Aber damit, dass man wie bei McDonalds sich ein Menü zusammenstellt, nach dem dann der Körper runderneuert wird: hier werden aus meiner Sicht deutlich Grenzen überschritten. „Alles ist machbar“, das wird propagiert. Über Schädigung wird nicht gesprochen: körperliche Schädigung durch Operationsrisiken und notwendige Folgeoperationen, weil solche Eingriffe keine lebenslange Dauer haben (etwa 10 Jahre). Psychische Schädigung, weil die Überzeugung gestärkt wird, dass Schönheit DIE Lösung sei.
Unstillbarer Hunger nach Anerkennung
Vielleicht bietet Bärbel Wardetzkis Konzept vom weiblichen Narzissmus eine Erklärung für das Phänomen. Würde man Frauen, die an dieser Form von Narzissmus leiden, nach ihrem Selbstwert fragen, dann wären ihre Antworten recht widersprüchlich.
Sie würden vermutlich sagen, sie seien sehr ehrgeizig und stolz auf ihre Erfolge. Sie würden aber auch berichten, dass sie sich selbst und ihren Körper ablehnen und sich nicht liebenswert fühlen. Erfolge beflügeln sie sehr, schon im nächsten Moment können kleine Misserfolgs-Erlebnisse Minderwertigkeitsgefühle auslösen. Es existiert kein stabiles Selbstwertgefühl. Der Hunger nach Anerkennung, nach Bestätigung von außen, ist unersättlich.
Unterstützt ist diese Situation durch eine Entwicklungsgeschichte, in der diese Frauen als Kinder nicht als „sie selbst“ anerkannt, sondern von den Eltern als „narzisstische Erweiterung“ benutzt wurden. Das bedeutet, dass Eltern die Erfolge ihrer Kinder (bzw. das, was sie selbst als Erfolg sehen) verstärken, um damit den eigenen Selbstwert zu erhöhen. Wird von den Eltern nur deren Wunschbild verstärkt und anerkannt, erhalten Kinder keine „Spiegelung“ ihres spontanen, authentischen Seins. In der Folge lernen Kinder, dass sie für ihr „so sein“ nicht anerkannt werden, sondern nur für ganz bestimmte Verhaltensweisen und Leistungen.
Minderwertigkeit und Grandiosität als zwei Seiten des Erlebens
Im Erwachsenenalter haben diese Frauen ein sehr instabiles Selbstwertgefühl, sie haben nicht gelernt, ihre eigene Person angemessen einzuschätzen. Im Erleben schwanken sie zwischen Minderwertigkeit und Grandiosität – zwei Seiten einer Medaille. Minderwertigkeit, weil sie glauben, nicht liebenswert zu sein. Grandiosität, weil sie sich durch besondere Leistungen, besonders gute Anpassung (und auch der Vorstellung, endlich schön zu werden), als etwas „Besonderes“ fühlen.
Zum Weiterlesen:
Bärber Wardetzki: Weiblicher Narzissmus – Der Hunger nach Anerkennung. Kösel Verlag München 1991
Gero von Randow (Hg.): Wie viel Körper braucht der Mensch? Edition Körber Stiftung 2001. Für 12,- Euro zu erhalten über: www.j5A.net, dem Non Profit-Versand der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG). Enthält ungewöhnliche Perspektiven und provokante Positionen zu Themen wie Körperkult, Geschlechterinszenierungen, dem Glauben, dass Körper „machbar“ ist usw.
In einem Interview im Stern (46/2004) mit einer Teilnehmerin aus „The Swan“ wird diese damit konfrontiert, ob sie nachvollziehen könne, „…dass es Menschen gibt, die nicht verstehen, wie Frauen derart an sich herumschnippeln lassen können.“? Sie antwortet darauf, dass sie es einerseits verstehen könne, andererseits aber glaube, dass das eher Neid sei. Das ist ein typisches Beispiel für die grandiose Position.
Bei Frauen ist die Seite der Minderwertigkeit oft sichtbarer, bei Männern oft die der Grandiosität. In beiden Fällen wird der Selbstwert von Äußerlichkeiten und Erfolg abhängig gemacht.
„The Swan“ bestärkt die Frauen in ihrem Glauben, „endlich schön“ zu sein, sei die einzige Lösung. Es wird suggeriert „Du bist mit neuem Busen, fettabgesaugten Beinen mehr wert“. Damit wird die zugrunde liegende narzisstische Problematik befördert und das Leiden der Frauen unterstützt. Für viele Therapeuten ist eine wichtige ethische Prämisse, nichts zu tun, was die Störung der Klienten bestätigt oder verstärkt. Dies kümmert die Macher von „The Swan“ nicht im Geringsten. Dabei betonen sie ausdrücklich, professioneller zu sein als das amerikanische Vorbild, da sie nur drei statt fünf Operationen pro Frau durchführen. Vor soviel Verantwortungsgefühl kann man nur den Hut ziehen!
Gekrönt wird dieses Vorgehen dadurch, dass nur eine die Schönheitskönigin wird. 15 der 16 Teilnehmerinnen wird per Zuschauerabfrage bescheinigt, dass sie nicht hart genug an sich gearbeitet haben. Wie gut, dass Verona Pooth dabei ist („Hier werden sie geholfen“), die leider erfolglos versucht, Einfühlsamkeit zu imitieren.
Werbesendung der Düsseldorfer Kö-Klinik
Das ganze artet dann vollkommen zur Farce aus, wenn die Schönen wieder mit ihren Liebsten konfrontiert werden. Manche Gatten erkennen ihre verschnippelte Schönheit kaum wieder, die Tochter einer anderen ruft voller Inbrunst „Mami, Du bist soooo schön!“. Hier würde man nun eigentlich den Abspann und Geigenmusik erwarten. Aber leider ist dies kein Spielfilm. Er wird noch nicht einmal als das geoutet, was er wirklich ist, nämlich eine Werbeveranstaltung für die Düsseldorfer „Kö-Klinik“, eine Klinik für plastische und ästhetische Chirurgie.
Soviel ist sicher: das Sendeformat wird auch viele junge Frauen ansprechen und darin bestärken, dass ein Körper auf Bestellung erstrebenswert ist.
Was wird sein, wenn diese Frauen wieder in ihren Alltag zurückkehren? Sie werden ’endlich schön’ zur Arbeit gehen, ‚endlich schön’ ihre Kinder versorgen, die jeden Tag aufs Neue morgens rufen werden „Mami, Du bist soooo schön!“. Aber wann wird es soweit sein, dass sie merken, dass sie doch sie selbst geblieben sind?
Gaby Kullbach
Geburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin