Frühjahr 1/2006

Die Suche nach dem heiligen Gral

Die Debatte um Dan Browns Weltbestseller "Sakrileg"

Seit Erscheinen des Thrillers „The Da Vinci Code“, auf deutsch „Sakrileg“, vor zwei Jahren sind über vierzig Bücher darüber geschrieben, mehrere Filme gedreht und unzählige Artikel veröffentlicht worden. Dass Brown echte Gemälde - und zwar nicht irgend welche, sondern die berühmtesten Bilder der Welt - gewählt hat, um an ihnen seine umstrittene Handlung zu entwickeln, war ein geschickter Schachzug. Es gibt seinen im Laufe des Romans entwickelten Theorien den Anstrich von Realität und bedeckt potentielle Zweifel mit einer dicken Schicht aus Tempera und Ölfarbe. Neben der „Mona Lisa“ galt die Aufmerksamkeit vor allem Leonardos zweitberühmtestem Gemälde, dem „letzten Abendmahl“. Was darauf versteckt sein soll, führt die Autorin Lynn Picknett aus, die sich mit Büchern über den heiligen Gral und das Turiner Grabtuch einen Namen gemacht hat. Ihr Hauptwerk „The Templar Revelation“ - „die Enthüllung der Templer“ - war die direkte Inspiration für Browns Megaseller und wird in dem Thriller sogar namentlich erwähnt. „Neben Jesus sitzt eine Figur, die sich von ihm weg lehnt. Es soll sich dabei um den heiligen Johannes handeln. Bei näherem Hinsehen erkennt man aber, dass dieser Johannes eine Frau ist. Sie trägt ein Goldkettchen. Sie hat Brüste und zusammen mit Jesus bildet sie im Bild ein gigantisches M. Dieses „M“ steht für Maria Magdalena. Die Templer glaubten, Maria Magdalena wäre Jesus Geliebte gewesen, seine heilige Sexpartnerin.“

Bereits die Wortwahl macht klar, in welchem Universum wir uns bewegen.

Es geht hier nicht um ordinären Sex, sondern um dessen mystische Variante. Zusammen mit Crime ergibt das eine esoterische Verschwörungstheorie. Lynn Picknett und Dan Brown schmeißen mit Namen wie „Templer“, „Katharer“ und „Rosenkreuzer“ nur so um sich. Alle diese geheimen und nicht ganz so geheimen Gesellschaften sind bei ihnen jedoch keine patriarchalen Männerbünde, sondern beten ganz im Gegenteil Maria Magdalena an.

Diese Mischung aus historischen Tatsachen und Fälschungen, aus Wissen und Halbwissen, macht auch den Roman so undurchsichtig. Dan Brown trägt noch dazu bei, indem er seinem Buch eine Liste mit so genannten „Fakten“ voranstellt, die bei genauerem Hinsehen alles andere sind als Fakten.

Tatsache ist jedoch, dass 1945 in der Nähe des oberägyptischen Dorfes Nag Hammadi Tonkrüge mit Handschriften entdeckt wurden, die bisher unbekannte Evangelien enthielten - darunter auch ein „Evangelium nach Maria Magdalena“.

Aus historisch kritischer Sicht sind diese apokryphen Evangelien nicht wahrer oder unwahrer als die kanonischen Texte in der Bibel. Ihr Fund ist von großer archäologischer Bedeutung, aber ist er bedeutend genug, um dafür zu töten?

Picknett sagt ja und Brown liefert den Roman zur Theorie. Wenn der vollständige Text des „Evangeliums nach Maria Magdalena“ an die Öffentlichkeit gelänge, wäre das ein „Sakrileg“, daher der deutsche Titel des „da Vinci Codes“.

Nun dürfte es Brown schwer fallen, ernstzunehmende Wissenschaftler zu finden, die die Frage, mit wem Jesus vor 2000 Jahren geschlafen hat, noch für skandalös halten. Was jedoch stimmt ist, dass Christentum und Judentum die Tiefengramatik unserer kulturellen Verständigungsprozesse bilden. Dabei braucht es nicht einmal um ethische oder moralische Fragen zu gehen. Um das an einem banalen Beispiel zu verdeutlichen: Für uns gelten mehr oder minder die mosaischen Essensgesetze, die besagen, dass man nur Fischliches oder Fleischliches essen darf, aber nichts dazwischen. Weswegen uns bei dem Gedanken, Maden oder Larven zu verspeisen, Ekel befällt. In Frankreich dagegen konnten sich die mosaischen Essensgesetze nie in der selben Form durchsetzen, mit dem Ergebnis, dass dort Schnecken und Froschschenkel eine Delikatesse sind.

Wertvorstellungen, die auf einer so banalen Ebene wirken, sind natürlich ungleich brisanter, wenn es um das Verhältnis zwischen Männern und Frauen geht.

„Brown spricht ja ein ganz zentrales theologisches Problem an, das Thema der heiligen Frau. Also ich bin der Ansicht, dass der Erfolg Browns darin begründet ist, dass wir in unserer Zeit eine große Sehnsucht haben nach einer weiblichen Spiritualität,“ räumt der Theologe Walter-Jörg Langbein ein. Clive Prince, Koautor von Picknet, ist derselben Ansicht. Allerdings hat bei ihm das sakrale Weibliche ganz konkrete Züge: „Man wundert sich oft über die Bezeichnung, der heilige Gral. Er hieß ursprünglich sang real, das mit der heilige Gral übersetzt wurde. Was dieser Gral also ist, er ist heilig. Seit Jahrzehnten fragen Leute nach der Bedeutung und niemand hat es je deuten können.“ Bis auf Prince, Picknett und Brown, die schlicht erklären, dass Maria Magdalena der heilige Gral ist. Ihre Argumentation läuft folgendermaßen: der Gral ist das Gefäß, das Jesus Blut umschließt, Maria Magdalena ist seine Ehefrau. Erfasst! Maria Magdalena ist das Gefäß, das sein Blut - sprich seine Kinder - austrägt. Eine wirklich revolutionäre Erkenntnis: Die Frau als Ehefrau und Mutter.

Diedrich Diedrichsen prägte das geflügelte Wort: „Wahres Spießertum erkennt man an dem Verve, mit dem es auf Tabus von gestern einschlägt.“ Dass die Kirche eine unrühmliche Geschichte der Unterdrückung der Frau hat, ist ein solches Tabu. Wen regt es heute noch auf, das zu hören? Wer würde dem nicht jederzeit gähnend zustimmen? Durch den Märchencharakter von „Sakrileg“ - mit dem Christentum in der Rolle der bösen Hexe - verliert man aus dem Blick, dass Maria Magdalena keine dröge Prinzessin ist, sondern eine faszinierende theologische Figur. So war beispielsweise sie - und nicht etwa einer der Jünger - die Verkünderin von Jesus Auferstehung.

Langbein erklärt: „Insofern ist Maria Magdalena die eigentliche Ur-Apostelin und hätte demnach auch Anspruch gehabt auf die Nachfolge Jesu. Und das ist ja nicht der Fall gewesen. Sie ist ja ganz gezielt verdrängt worden. Wir kennen ja alle dieses berühmte Pauluswort: das Weib schweige in der Kirche.“

Die Predigerin Maria Magdalena schwieg jedoch keineswegs. Die Kirche brauchte Jahrhunderte, um sie zu der knienden und weinenden Frau zu machen, die aus der Ikonographie bekannt ist. Dafür mussten sie sie erst mit einer anderen Figur im neuen Testament gleichsetzen, einer namenlosen Sünderin, die nur ein einziges Mal auftaucht, um Jesus Füße mit ihren Tränen zu waschen und ihren Haaren zu trocknen. „Und es hat ja einige Jahrhunderte gedauert bis die katholische Kirche verlautet hat, dass die Gleichsetzung falsch ist.“

Genauer gesagt bis 1969. In den Köpfen der Gläubigen blieb Maria Magdalena jedoch auch danach eine Sünderin, und weil man bei sündigen Frauen nur an eines denkt: eine Prostituierte.

Die um Vergebung bettelnde Magdalena wurde Generationen von Frauen und Mädchen als Vorbild vorgehalten und beförderte die Gleichsetzung von Weiblichkeit und Passivität enorm. Später wurde das Ideal der schweigenden Magdalena ganz konkret als Argument benutzt, um Frauen das Priesteramt zu verbieten. Dabei ist Maria Magdalena als Verkünderin der Wiedergeburt Jesu eigentlich der Gegenpol zu der aufs Zuhören beschränkten Jungfrau Maria, der die Tatsache, dass sie Jesus gebären würde, von einem Mann, nämlich dem Erzengel Gabriel, verkündet werden musste.

Für eine feministische Auseinandersetzung mit der Rolle, die der Frau in der Kirche und damit im christlichen Abendland zugewiesen wurde, ist das deutlich relevanter als esoterische Phantasien einer heiligen Hure, die von den - wiederum männlichen - Hohepriestern eines Geheimbundes geschützt werden muss. Auch wenn sich unter diesen angeblich so beeindruckende Männer befunden haben sollen wie Leonardo da Vinci.

Mithu M. Sanyal


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