Sommer 2/2004
Über das Alter von Frauen wird in der Geschichtswissenschaft immer gestritten. Doch die Entstehungszeit der Zeugnisse des Matronenkultes in Bonn sind eindeutig datierbar. Die über 30 Altäre, auch Votivsteine genannt, die zu Ehren der drei Matronen in der Tempelanlage unter dem heutigen Bonner Münster errichtet und 1930 gefunden wurden, stammen aus dem Jahrzehnt ab 160 n.Chr. Die Tempelanlage bildete den Abschluss eines langes Prozessionswegs, der durch das Rheinland führte und mit einer Feier zu Ehren der drei Matronen an dieser Stelle endete. Eine große Ausstellung im Bonner Frauenmuseum 1989 erinnerte an die drei Aufanischen Matronen als die eigentlichen Gründungsmütter und Schutzherrinnen der Stadt.
Das plötzliche, gehäufte Auftreten einer so großen Zahl von Altären zu Ehren der drei Matronen erklärt sich aus lokalen Ereignissen. 166-167 brach in Bonn die Pest aus; 163-167 wurden die in Bonn stationierten römischen Legionäre zum Kriegseinsatz gegen die Parther einberufen. Darum riefen die einheimischen Frauen die drei Aufanischen Matronen um Schutz vor Krankheit und Tod, um den Segen für ihre Felder und die glückliche Heimkehr ihrer Männer an. Die Verehrung der drei Matronen geht auf vorrömische Zeit und auf weit zurückliegende matriarchale Kultureinflüsse zurück.
Literaturangaben:
Die Bonnerinnen. Szenarien aus Geschichte und zeitgenössischer Kunst, Bonn 2000, hg. vom FrauenMuseum.
Sophie Lange, Wo Göttinnen das Land beschützten, Matronen und ihre Kultplätze zwischen Eifel und Rhein, Sonsbeck/Hinz 1994.
Spuren des Matronenkults finden sich in Frankreich, Großbritannien und jenseits der Alpen. Sie wurden stets als drei nebeneinander sitzende Frauen, eine jüngere Frau mit offenen Haaren in der Mitte, zwei ältere Frauen in festlicher Tracht und ausladenden Hauben, mit den Symbolen der Fruchtbarkeit der Erde, Früchtekörben, Füllhörnern und Speisetellern, dargestellt. An ihrem Äußeren, insbesondere an der unrömischen Kleidung der drei Frauen, lassen sich typische Merkmale der Ubier und Kelten, die seit dem 5. Jh. v. Chr. im Rheinland bezeugt sind, feststellen. Zur Zeit der römischen Besatzung lebte diese Mischbevölkerung in Bonn. Sie pflegte ältere Traditionen der Göttinnen-Verehrung, geduldet von der römischen Besatzung, die auch die Verehrung der älteren weiblichen Gottheiten wie Isis und Kybele zuließ. Die Vorstellung eines alleinigen, auf die anderen Gottheiten eifersüchtigen Gottes hatte sich noch nicht durchgesetzt.
Der Name ‚Aufanische Matronen’ gibt Aufschluss über die Verbreitung des Matronenkultes. Während der römische Begriff ‚Matrae’ oder ‚Matronae’ auf die keltische Verehrung in vorrömischer Zeit verweist, ist das Wort ‚Aufania’, das sich möglicherweise aus dem Keltisch-Romanischen ableitet, als eine Ortsbezeichnung zu verstehen. Die erste Silbe ‚Au’ bedeutet Das Hohe, das Erhabene und lässt sich mit abgelegener Fenn übersetzen. Gemeint wäre das Gebiet des heutigen Venusberges. Die zweite Silbe, die auf das lateinische ‚ferre’ = tragen, wegtragen, zurückgeht, deutet auf eine Opferstätte hin: Auf der Bergeshöhe brachten die Menschen den drei Aufanischen Matronen ihre Opfergaben dar, die weggetragen, das heißt, von den verehrten Frauen angenommen wurden. Das Wort ‚Aufania’ bedeutet zudem: Ahnenfrauen, Glück Spendende, freigiebige Ahnenmütter, die im Überfluss Gebende.
Über die Jahrtausende hinweg haben Frauen mit Frauen in der Gestalt der Dreiheit kommuniziert. Die Dreizahl symbolisierte seit frühgeschichtlichen Zeiten die Einheit in der Vielheit, den Zusammenhang von Geburt, Tod und ein den Tod überwindendes Leben, von Anfang, Mitte und Ende aller Dinge der lebendigen und kosmischen Welt. Die im Rheinland heute noch lebendige Verehrung der drei Juffern geht unmittelbar auf die Verehrung der drei Aufanischen Matronen zurück.
Sophie Lange erinnert an die Ahninnen, die ihre eigene Lebenskraft und die Kraft des Lebens als ein natürliches und kosmisches Geschehen begriffen. Die Verkörperung dieser Frauenkraft in der Darstellung der drei Frauen gehört zu den ältesten Symbolen. Der Frauenkörper wurde als symbolischer Ort begriffen, an dem sich das Wunder dieses Geschehens verkörpern lässt. Hierin liegt die schöpferische, symbolische Leistung der matriarchalen Kultur, die in der Gestalt der drei Matronen fortwirkt.
In meinem Garten steht der Abguss eines Matronensteins. Die drei Frauen sind in ihren langen Gewändern zu sehen, selbstbewusste, ganz und gar unrömische Frauen. Für mich bürgen sie dafür, dass die Patriarchalisierung unserer Welt in ihren zerstörerischen Tendenzen an eine Grenze stößt. Diese Grenze setzt die Klugheit der Frauen, wie wir sie in den Matronen verkörpert sehen. Verbunden mit der Frauenkraft geht sie nicht verloren.
Annette Kuhn
Geburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin