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Sommer 2/2004

Bella Malafemmina


"Liebe Eltern, ich gehe fort, um woanders mein Glück versuchen“, schrieb die 18jährige Gianna Nannini ´74 auf einen Zettel, den sie ihren Eltern hinterließ. Diese hätten gern gesehen, dass ihr Töchterchen den Familienbetrieb, eine Konditorei-Kette, einmal übernimmt. Doch Gianna hatte andere Pläne: Eigentlich wollte sie nach Amerika, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten - doch ihr in Papas Zuckerbäckerei sauer verdientes Geld reichte nur bis Turin. Dort begann sie Philosophie und Musik zu studieren, wenig später wechselte sie nach Mailand und belegte zudem das Fach Komposition. In kleinen Clubs und auf Frauenfestivals hatte die frauenbewegte Gianna ihre ersten Auftritte.

´76 erschien ihre erste Platte „Gianna Nannini“. Zwei Jahre später erfolgte endlich die ersehnte Amerika-Reise. Der Trip wurde für sie persönlich zum absoluten Flop, Amerika fand sie „einfach nur schrecklich“. Künstlerisch sollte der Reinfall jedoch der Beginn ihrer Weltkarriere werden. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in der LP „Amerika“, deren Cover die Freiheitsstatue mit einem Vibrator in der Hand zierte. In Italien war die Scheibe ein Skandal, in mehreren europäischen Ländern machte sie Gianna berühmt.

´84 wurde sie in Italien zur Künstlerin des Jahres gewählt, ihre Single „Puzzle“ war die meist verkaufte Platte einer weiblichen Interpretin. Die ´86 erschienene LP „Pro Fumo“ wurde mehr als eine Million Mal verkauft, die daraus ausgekoppelte Single „Bello e Impossibile“ zum Welthit. ´88 erschien die LP „Malafemmina“, eigentlich ein Schimpfwort, das so viel heißt wie „Nutte“. Gianna benutzte es als Ausdruck für eine starke Frau, die gegen den Strom schwimmt. Daraus stammt die Single „Hey Bionda“, ein Stück gegen den Wehrdienst für Frauen. Ein Thema, das zu dem Zeitpunkt in Italien von Politikern in die Diskussion gebracht wurde. Der Videoclip zu dem Stück wurde in Israel gedreht, weil dort schon lange Frauen in der Armee dienen müssen.

Bei der Fußball-WM in Italien ´90 sang sie gemeinsam mit Edoardo Bennatto den Eröffnungssong, ca. 1 Milliarde Menschen auf der ganzen Welt verfolgten diesen Auftritt am Fernseher. Das Duo spendete die Tantiemen komplett an Amnesty International (ai). ´94 beendete sie nach zehn Jahren ihre Doktorarbeit zum Thema „Der Körper der Stimme“, in der sie sich mit der Beziehung zwischen Körper und Stimme, u.a. am Beispiel Janis Joplins und Miriam Makebas, beschäftigte. Am 14. 12.´94 wurde ihr dafür der Doktortitel mit der höchsten Auszeichnung Summa Cum Laude verliehen.

Am 4. Juli ´95 seilte sich Signora Dotoressa vom Balkon der französischen Botschaft in Rom ab. Damit unterstützte die leidenschaftliche Freeclimberin eine Greenpeace Aktion gegen die französischen Atomversuche im pazifischen Muroroa-Atoll.

Anfang 2004 veröffentlichte sie ihr 16. Album „Perle“, mit der sich die Rockröhre von einer ganz neuen Seite präsentiert: Statt der üblichen Formation – Gitarre, Schlagzeug, etc. - wurde sie von dem Pianisten Christian Lohr und dem neapolitanischen Solis String Streich-Quartett begleitet. Diese Nanninische Version von Rock meets classic, Schmirgelpapier auf Marmorboden, entpuppte sich als gelungene musikalische Innovation. Bei dem von der Agentur Karsten Jahnke präsentierten Konzert in der Hamburger Musikhalle wurde dem Publikum ein unvergleichlicher und unvergesslicher Kunstgenuss geboten, unterstrichen von der grandiosen Akustik in der Halle. Wenn auch die bequemen Plüschsessel nicht so recht zur Geltung kamen: Der Abend begann mit Standing Ovations für die Künstlerin bevor diese überhaupt auf der Bühne erschien und spätestens nach der Hälfte des Konzerts saß niemand mehr auf dem Platz.

Birgit Gärtner


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