Sommer 2/2004
Ihre Übersetzung der „Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ kennt beinahe jedes Kind: sie ist in den vergangenen Jahrzehnten in immer neuen Ausgaben erschienen, zuletzt 2001 bei Gerstenberg und Ende 2002 bei Diogenes mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann. Von ihr übersetzte Romane von Mark Twain, Daniel Defoe, Robert Louis Stevenson und Joseph Conrad stehen in vielen Bücherregalen. Und doch ist ihr Name nahezu unbekannt.
Geboren wurde Lore Krüger am 11. März 1914 in Magdeburg als Tochter einer jüdischen Familie. Nach der Machtergreifung der Nazis emigrierte sie 1933 nach England, ein Jahr darauf nach Spanien. In Barcelona absolvierte sie eine Ausbildung zur Fotografin. Dann ging sie nach Paris und spezialisierte sich als Schülerin der vom Bauhaus und von Fernand Léger beeinflussten Fotografin Florence Henri auf künstlerische Porträtaufnahmen. Daneben begann sie ein Studium des Marxismus- Leninismus an der „Freien Deutschen Hochschule“. Ihr Lehrer war Johann Lorenz Schmidt alias Laszlo Radvanyi, der Mann von Anna Seghers. Bei ihm schrieb sie ihre Abschlussarbeit. Sie beteiligte sich an der antifaschistischen Bewegung. Bei Solidaritätsaktionen für ehemalige Interbrigadisten traf sie ihren späteren Mann, den deutschen Gewerkschafter Ernst Krüger.
Nach dem Überfall der Wehrmacht auf Frankreich wurde sie als „feindliche Ausländerin“ interniert und kam in das berüchtigte Lager Gurs. Später konnten sie und ihr Mann zusammen mit einigen Kameraden fliehen. Sie versteckten sich bei Franzosen, schlugen sich mit gefälschten Papieren nach Toulouse durch und bemühten sich um Ausreisevisa nach Mexiko. In dieser Zeit erhielt Lore die furchtbare Nachricht vom Selbstmord ihrer Eltern auf Mallorca.
Mit dem letzten Frachter verließen sie und ihre Genossen Frankreich von Marseille aus in Richtung Amerika. Auf dem Weg dorthin wurden sie von einem holländischen U-Boot gekapert und in ein englisches Internierungslager auf die Insel Trinidad gebracht. Schließlich gelangten sie in die Vereinigten Staaten. In New York schloss sich Lore der Bewegung „Freies Deutschland“ an und wurde Mitarbeiterin der deutsch- amerikanischen antifaschistischen Zeitung „The German American“, die von Kurt Rosenfeld und Gerhart Eisler geleitet wurde. Lore übersetzte für die zunächst monatlich, dann wöchentlich erscheinende Zeitung Beiträge ins Englische und steuerte Fotos bei.
Ihre ganze Familie, bis auf eine Schwester, fiel den Nazis zum Opfer. Dennoch kehrte Lore im Dezember 1946 mit ihrem Mann und der 1942 geborenen Tochter Susan unter beschwerlichen Umständen- sie war hochschwanger- nach Deutschland zurück. Aus gesundheitlichen Gründen konnte sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr als Fotografin verdienen. Im Auftrag des Aufbau- Verlages begann sie, Bücher zu übersetzen- insgesamt rund dreißig Titel, zuerst die „Briefe aus dem Totenhaus“ von Ethel und Julius Rosenberg (1954).
Heute steht für sie die politische Arbeit im Vordergrund. Sie betätigt sich in der DRAFD (Deutsche in der Résistance) und im Bund der Antifaschisten. Sie geht in Schulen, versucht, Jugendlichen ihre Erfahrungen und Erlebnisse zu vermitteln. Sie reist dafür auch nach Frankreich und Belgien. Wenn es ihre karge Zeit erlaubt, arbeitet sie an ihren Memoiren. Fatalismus ist der humorvollen 90jährigen fremd. „Man darf niemals die Hoffnung aufgeben“, sagt sie, „nur der Tod ist endgültig.“
Cristina Fischer
Geburtstag
Betty Friedan (1921) US-amerikanische Feministin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin