Sommer 2/2004
"Der starke Gerechtigkeitssinn meiner Mutter, die politische Aktivität meines Vaters, und vor allem die Not der Bergarbeiter waren die entscheidende Ursache für meine frühzeitige Beschäftigung mit politischen Fragen”, erzählte Johanna, die aufgrund ihres Mutes und ihres Schweigens unter der Folter in der berüchtigten Dortmunder Steinwache “eiserne Johanna” genannt wurde. Bereits in den zwanziger Jahren engagierte sie sich in revolutionären Bewegungen Sie trat der KPD bei und war Ende der Weimarer Republik Frauenleiterin des Kampfbundes gegen den Faschismus in Erfurt. Die Widerstandskämpferin wurde während der faschistischen Diktatur verhaftet - beantragt war die Todesstrafe, verurteilt wurde sie zu 15 Jahren „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“. Sie saß insgesamt zehn Jahre in Gefängnissen und im KZ Mohringen.
In der Nachkriegszeit gehörte sie der KPD-Landtagsfraktion in NRW von 1946 bis 1950 an. Sie brachte die Fragen der gleichen Entlohnung für Frauen und der Revision des Paragraphen 218 in die Debatte ein, was zum Tumult im Landtag führte. Johanna zum 218-Antrag: „Ich möchte ganz empört hier diese Anschuldigungen, die aus den Reihen des Zentrums und der CDU uns gegenüber erhoben wurden, indem sie uns mit den Mördern von Auschwitz identifizieren, zurückweisen. Das wagen Sie einer Frau zu sagen, die von faschistischen Gerichten zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, die zu jenen Antifaschisten in Deutschland gehört, die sich vor die faschistischen Richter hinstellten und sagten, wir wollen das Leben schützen...Aus dieser gleichen Verantwortung heraus haben wir auch heute – und ich habe diesen Antrag unterschrieben – hier versucht, eine Übergangslösung zu finden.“
Hanna Melzer initiierte in NRW ein Gesetz für einen bezahlten freien Hausarbeitstag, der den berufstätigen Frauen monatlich gewährt wurde. 1949 brachte sie einen KPD-Antrag zur Förderung von Unterschriftensammlungen zur Ächtung der Atombombe ein – die anderen Landtagsfraktionen wiesen dies als „kommunistischen Agitationsantrag“ ab. Nach der Gründung des Demokratischen Frauenbunds in der Bundesrepublik 1950 wurde sie als Sekretärin in den zentralen Vorstand des DFD gewählt, der 1957 als „kommunistische Tarnorganisation“ verboten wurde. 1953 erneuter Haftbefehl, u.a. wegen ihres Kampfes gegen die Wiederaufrüstung und für eine Volksbefragung. Sie sagte „nicht noch einmal“, ging in die Illegalität und arbeitete weiter für die KPD und den DFD. Ihre Wohnung durfte sie nicht mehr betreten. Die letzten Lebensjahre verbrachte sie in Berlin-Ost.
fh
"Es war der 15. August – der Tag meiner Ankunft in New York City. Ich war zwanzig Jahre alt. Alles, was in meinem Leben bisher passiert war, hatte ich hinter mir gelassen, weggeworfen wie abgetragene Kleidung. Eine neue Welt stand mir bevor, fremd und beängstigend. Aber ich war jung, gesund und hatte ein leidenschaftliches Ideal. Was immer das Neue mir bringen sollte, ich war bereit, es unerschrocken zu meistern.“
Mit diesen Worten beginnt Emma Goldman ihre Autobiographie „Gelebtes Leben“.
Sie war in Russland aufgewachsen, in einem konservativen jüdischen Elternhaus. Der Vater tyrannisierte die Familie. Als 13jährige las sie verbotene Literatur. Als der Vater sie mit 16 verheiraten wollte, drohte sie mit Selbstmord. Wenig später folgte sie ihrer Schwester in die USA. In Rochester arbeitete sie als Näherin in der Textilindustrie.
Radikalisiert wurde Emma Goldman durch die Ereignisse am Haymarket in Chicago: Während einer Demonstration war eine Bombe explodiert und hatte mehrere Polizisten getötet. Der Täter wurde nie gefasst, doch fünf Anarchisten wurden ohne jeden Beweis ihrer Schuld im November 1887 hingerichtet.
Der Justizmord, die Hetze der Presse und die Hysterie der Bevölkerung, die fortan in allen Anarchisten Bombenleger vermutete, all dies führte zu dem Entschluss, nach New York City umzusiedeln und sich der anarchistischen Bewegung anzuschließen.
Hier lernte sie bald Alexander Berkman kennen, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband. Sie lebte in Kommunen. Johannes Most, der Herausgeber der „Freiheit“, erkannte ihr Rednertalent und schickte sie auf ihre erste Vortragsreise. Kurz darauf organisierte sie bereits Streiks.
„Die rote Emma“ wurde bekannt. Als sie sich bei einer Tanzveranstaltung ausgelassen amüsierte, hielt ihr ein Genosse vor, dies gehöre sich nicht für eine Agitatorin der Bewegung. Ihre Antwort: „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“
1892 wurde Berkman wegen eines Attentatsversuchs zu 22 Jahren Haft verurteilt, wenig später musste Emma Goldman wegen Anstiftung zum Aufruhr für ein Jahr ins Gefängnis. Danach erlernte sie den Beruf der Krankenschwester. Sie, die selbst keine Kinder bekommen konnte, trat früh dafür ein, Frauen über Empfängnisverhütung zu informieren.
Nach Berkmans Entlassung 1906 gründeten sie gemeinsam die Zeitschrift „Mother Earth“. Wegen der Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern während des ersten Weltkriegs wurden sie 1919 nach Russland deportiert. Voller Hoffnung kamen die beiden im revolutionären Russland an. Nach der blutigen Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands flohen sie entsetzt.
Sie blieben in Europa, Emma Goldman ließ sich in London nieder. Sie veröffentlichte etliche Essays, schrieb ihre Autobiographie und unternahm viele Reisen. An der Revolution der spanischen Anarchisten nahm sie regen Anteil. 1940 starb sie während einer Vortragsreise in Kanada.
Doris Heeger
Geburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin