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Sommer 2/2006

Wann ist eine Frau eine Frau

Mit dem Wintersemester beginnt an der Ruhr Universität Bochum ein neuer Studiengang mit dem Titel: "Genderstudies". Mithu Sanyal ging nach Dortmund und sprach mit vier Professorinnen, was man beim Studieren des Geschlechts überhaupt macht.

Soll man die Mädchen denn nun von den Jungen trennen, oder die Jungen von den Mädchen, oder ist der gemeinsame Sportunterricht von Mädchen und Jungen doch die bessere Variante? Es gibt keine einfachen Antworten. Denn wie die Aussagen der Mädchen und die Beschreibungen der Sportunterrichtspraxis zeigen, gibt es weder das Mädchen noch den Jungen entlang derer man die Frage der Trennung der Geschlechter im Sportunterricht festmachen kann.

„Fußball, Volleyball, Basketball, Fußball, Fußball, ... Basketball, Turnen, Fußball, Badminton, Turnen, Volleyball.“

(Antworten von Mädchen einer 9. Jahrgangstufe auf die Frage, welches Thema sie gerne als nächstes bearbeiten möchten).

Die beschriebene Sportunterrichtspraxis widerspricht anscheinend allen empirischen Ergebnissen, die eine geschlechtsspezifische Präferenz der Sportarten feststellen und ein bedürfnisorientiertes Sport- und Bewegungsangebot für Mädchen daraus ableiten. Dieses Verständnis des Geschlechterverhältnisses entspricht dem „Ungleichheitsparadigma“, das den Sport als ein Feld konstruiert, in denen die Geschlechter höchst unterschiedlich und hierarchisch angeordnet sind. Dieses Paradigma hat lange Zeit die Frage der Koedukation bestimmt. Mädchen treiben bzw. möchten gerne einen anderen Sport treiben als Jungen, Männersport ist höherwertiger als Frauensport, Mädchen werden im koedukativen Sportunterricht benachteiligt. Demgegenüber lässt sich das „Angleichungsparadigma“ stellen, in dessen Zentrum das diskursive Muster von der Vorstellung der Verringerung der Geschlechterdifferenzen im Sport steht, in dem Geschlechterdichotomie und –hierarchie schwinden (vgl. Lotte Rose 2002). Die oben genannten Beispiele weisen auf dieses Paradigma hin. Auch Mädchen spielen gerne Fußball oder Basketball, es gibt auch Jungen die die Ballspiele nicht mögen. Frauen nehmen sich mehr Raum – auch bezogen auf den gesellschaftlichen „Machtkontext“. Für beide Paradigmen lassen sich viele überzeugende empirische Belege finden und beide haben ihren Realitätsgehalt. Das macht die „Sache“ so schwierig!

6 Jungen und 4 Mädchen spielen Fußball; 4 Jungen und 4 Mädchen spielen Basketball; 3 Mädchen und 1 Junge turnen an den Ringen; 2 Jungen springen Minitrampolin; 4 Mädchen und 2 Jungen spielen Badminton.

(Eine 9. Klasse organisiert ihre „Initiativstunde“.)

Das Ungleichheitsparadigma stand lange Zeit im Zentrum sportpädagogischer Entwicklungen, gerade die Frage der Koedukation hat sich lange Zeit auf den differenztheoretischen Ansatz gestützt und die geschlechterbezogene Förderung auf die Frage des gemeinsamen oder getrennten Sportunterrichts reduziert ohne eine geschlechterbezogene Didaktik und Methodik für den Schulsport zu entwerfen. Für die Sportpädagogik wäre ein Perspektivenwechsel hin zum Angleichungsparadigma wichtig, weil sich dadurch neue Chancen für eine Pädagogik der Förderung von Entwicklungsmöglichkeiten der Geschlechter eröffnen. Die parteiliche Mädchenarbeit und die antisexistische Jungenarbeit haben nämlich dort ihre Grenzen, wo sie einen Ausschluss für Mädchen und Jungen konstruieren, wenn sie nicht den in den jeweiligen Geschlechterentwurf passen. Das Angleichungsparadigma bietet die Chance vom Subjekt aus zu denken und zu handeln. Allerdings ist zu beachten, dass es keineswegs so ist wie manche Rezensentinnen der Dekonstuktionstheorien nahelegen, dass die Individuen frei zwischen den Entwürfen wählen und beliebig wechseln können. Die Normalitäten haben sich sicherlich vervielfältigt aber die subjektiven Konstruktionen stehen in einem gesellschaftlichen Machtkontext. Deshalb ist die Frage der Trennung der Geschlechter nicht hinfällig geworden, sie sollte jedoch im jeweiligen Kontext diskutiert und entschieden werden. Dies macht die Umsetzung in die Praxis allerdings schwierig. Denn welche Schule kann es organisatorisch möglich machen, individuelle Gestaltungsspielräume zu öffnen.

Was bedeutet dies nun konkret für die Praxis des Sportunterrichts?

Jungen spielen in der einen, die Mädchen in der anderen Hallenhälfte Fußball.

(Die Einzigen, die sich etwas anderes wünschen für die Einzelstunde, sind zwei Jungen)

Den Lehrplänen Sport NRW (Grundschule, Sekundarstufe I und II) liegt folgendes Verständnis von reflexiver Koedukation zu Grunde:

Reflexive Koedukation im Sportunterricht ist grundlegendes Gestaltungsprinzip von Sportunterricht und will alle pädagogischen Gestaltungen daraufhin durchleuchten, ob sie die bestehenden Geschlechterverhältnisse eher stabilisieren oder ob eine kritische Auseinandersetzung und damit eine Veränderung fördern. Ziel ist eine umfassende und gleichwertige Entwicklungsförderung von Mädchen und Jungen in der Vielfalt der Körper,- Bewegungs- und Sportkultur.

Konkrete Zielvorstellungen sind:

Mädchen und Jungen einer 10. Klasse spielen und üben gemeinsam Basketball – Mädchen und Jungen einer anderen 10. Klasse spielen und üben getrennt.

Aufgabe einer Sport- und Bewegungserziehung ist es somit, Lernarrangements zur Verfügung zu stellen, die Mädchen und Jungen eine Auseinandersetzung mit sich selbst und der Sport- und Bewegungswelt ermöglichen und dabei zu einer Selbstvergewisserung mit ihrer eigenen Geschlechtlichkeit in diesen Bereichen führen. Um dieser Aufgabe gerecht werden zu können ist es m.E. jedoch notwendig den Kanon der pädagogischen Perspektiven, so wie er in den gültigen Lehrplänen niedergeschrieben ist zu erweitern um eine geschlechterpädagogische Perspektive

Erfahren, Erproben und Sicherwerden in der eigenen Geschlechtlichkeit

Der Sportunterricht wird entweder nach Sportarten bzw. Inhaltsbereichen strukturiert, wie z.B. Basketball und Badminton, Laufen, Springen, Werfen oder nach pädagogischen Perspektiven, denen dann Inhaltsbereiche zugeordnet werden. Will man den pädagogischen Focus auf die geschlechterpädagogische Perspektive werfen, kann auch eine themenorientierte Ausrichtung entwicklungsfördernd sein. So fordern z. B. einige Themen des Sportunterrichts in besonderer Weise eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschlechtlichkeit heraus. Angst ist z.B. ein Thema, das sehr eng mit dem Geschlecht korreliert und im Sport virulent ist. Darf ein Junge Angst haben bzw. diese zeigen? Was passiert, wenn ein Junge im Sportunterricht zugibt, dass er sich bestimmte Dinge nicht zutraut? Wird der Sportunterricht entlang dieser Themen strukturiert, so bietet er Mädchen und Jungen Unterstützung an, sich mit ihrer Geschlechtlichkeit in den Bereichen Körper, Bewegung, Sport und Spiel auseinanderzusetzen und darin eine Sicherheit zu gewinnen. Die wichtigsten Eckwerte eines solchen Sportunterrichts werden im Folgenden näher erläutert.

Überlegungen für eine didaktische Konzeption geschlechterbezogenen Sportunterrichts

Geschlechterpädagogische Perspektive

Erfahren, Erproben und Sicherwerden in der eigenen Geschlechtlichkeit

Inhaltsbereiche

Alle Inhaltsbereiche des Lehrplanes können unter dieser Perspektive strukturiert werden.

Geschlechterrelevante Themen

Vermittlung und Gestaltungsprinzipien

Literatur:

Landesinstitut für Schule und Weiterbildung NRW (Hrsg.): Mädchen und Jungen im Sportunterricht. Soest 2001.

Rose, Lotte: Alles anders? Überlegungen zum Stellenwert des Sports in den modernen Mädchen- und Jungenwelten. In: Sportunterricht Heft 6, 2002, S. 171-177.

Scheffel, Heidi: Mädchen und Jungen im Schulsport. In: Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes NRW. Schulsport NRW 2002 /2003. Erkrath 2002, S.43-49.

Schmerbitz, Helmut/ Seidensticker, Wolfgang: Sportunterricht und Jungenarbeit. In Sportpädagogik, Heft 6 (2001), S. 25-37.

Es gilt Lernarrangements zu entwerfen, in denen die Schülerinnen und Schüler ihre Geschlechtlichkeit erproben und erfahren können und in ihnen eine Sicherheit erlangen. Folgende Prinzipien sind für eine geschlechterbezogene Perspektive bedeutsam:

Organisationsform

Sportlehrerinnen und Sportlehrer

Auseinandersetzung der Lehrkräfte und der Fachkonferenzen Sport mit der Dynamik der sich veränderten Geschlechterverhältnisse und ihrer eigenen Verortung darin, um sich in den zum Teil widersprüchlichen Situationen so zu bewegen, dass sie Mädchen und Jungen reflektiert eine Orientierung geben. Hilfestellungen hierfür bieten Fortbildungsveranstaltungen und Handreichungen für einen geschlechterbezogenen Sportunterricht (vgl. z.B. LfS 2001, Scheffel 2002, Schmerbitz /Seidensticker 2001.

Heidi Scheffel


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