Logo Wir Frauen

Winter 04/2004

Alzheimer - abgeschoben?


Meine Mutter ist 73 Jahre alt.

Sie hat Zeit ihres Lebens gearbeitet, als Putzfrau, als Schreibkraft, als Zeitungsbotin. Berufstätigkeit war für sie ein Mittel, sich gegen das Herrschafts- und Unterdrückungsverhältnis in Ehe und Beziehung zur Wehr zu setzen. Vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen als ungelernte Arbeiterin und ohne Schulabschluss hat sie gegen den Widerstand der Familie durchgesetzt, dass ihre Töchter eine gute Ausbildung erhalten. Was meine Mutter uns vorgelebt hat, war das lebenslange Streben nach ökonomischer Unabhängigkeit, nach einem selbständigen Leben mit eigenen Inhalten, weil sie der Überzeugung war, dass erst auf dieser Grundlage wirklich gleichberechtigte Beziehungen möglich sind.

Meine Mutter ist 73 Jahre alt und hat Alzheimer.

Diese Krankheit bedeutet den schleichenden Verlust der geistigen und mentalen Fähigkeiten. Man vergisst Namen und Daten, verliert das Verhältnis zu Zahlen und Geld, weiß nicht mehr, wie man eine Kaffeemaschine bedient oder ein Mittagessen kocht. Diese Krankheit bedeutet den Verlust von Sprache und irgendwann den Verlust der Orientierung in der eigenen Wohnung. Diese Krankheit macht ein selbständiges Leben schließlich unmöglich. Wer kein Verhältnis zu Uhrzeiten mehr hat, kann weder Arzttermine ausmachen noch Verabredungen mit Freundinnen treffen. Wer an der Supermarkt-Kasse sein Geld nicht mehr richtig zusammenzählen kann, zieht den Unwillen gestresster Kassiererinnen, Hausfrauen und Mütter mit Kindern auf sich. Unsere auf Leistung orientierte Gesellschaft hat keinen Platz für alte und kranke Menschen. Seniorinnen und Senioren sind höchstens dann interessant, wenn sie als Zielgruppe für den Verkauf von Dienstleistungen in Frage kommen oder ehrenamtliche Aufgaben übernehmen können. Sind sie selbst hilfs- oder pflegebedürftig, versagen die Mechanismen unserer Gesellschaft. Meine Mutter ist (noch) kein Pflegefall, denn sie kann sich (noch) selbst versorgen, anziehen und waschen. Begleitung zum Einkaufen oder zum Arzt sind im Pflegekatalog nicht vorgesehen. Ohne amtlich anerkannte Pflegestufe sind weder der Aufenthalt in einer sozialen Tageseinrichtung möglich noch die Einweisung in ein öffentliches Pflegeheim. Dabei kann man über die Qualität sozialer Pflegeheime mit zu wenig und gestresstem Personal noch streiten. Private Heime kosten so viel Geld, dass meine Mutter sie von ihrer Rente nicht finanzieren kann.

Meine Mutter ist 73 Jahre alt, hat Alzheimer und stellt ihre Töchter vor eine schwierige Entscheidung.

Ihre zunehmende Hilflosigkeit drängt auf Entscheidungen, die nicht nur ihr Leben, sondern auch unser Leben einschneidend verändern werden. Alle Veröffentlichungen der verschiedenen Einrichtungen und Gesellschaften, die sich mit dieser Krankheit befassen, alle Medienberichte über die Krankheit Alzheimer gehen mit großer Selbstverständlichkeit davon aus, dass diese Kranken von Angehörigen gepflegt werden. In der Regel übernehmen Frauen diese Aufgabe. Die Angehörigen-Gruppen für Alzheimer-Kranke bestehen zu 80 Prozent aus Frauen, die einen Elternteil oder ihre Ehemänner pflegen. Diese Pflege ist ein 24-Stunden-Job, der wenig oder keinen Raum für eigenständige Aktivitäten lässt. Je weiter fortgeschritten die Krankheit ist, desto größer wird nicht nur die Hilflosigkeit der Betroffenen, sondern auch die Angst der Kranken, die ihren geistigen Verfall, den Kontrollverlust über ihr eigenes Leben noch sehr lange bewusst miterleben. Das stellt hohe Ansprüche nicht nur an die physische Versorgung, sondern besonders an die emotionale Stützung dieser Menschen. Die Krankheit meiner Mutter wirft für ihre Töchter die Frage auf, wer von uns bereit ist, eine solch extreme Veränderung ihres Lebens auf sich zu nehmen. So wird meine Mutter (ungewollt) zu einem „Fall“, der uns daran hindert, gerade das zu tun, was sie uns immer vorgelebt hat: ein eigenständiges Leben zu führen.

Dieser scheinbar private Konflikt ist in Wahrheit eine Verschiebung des gesellschaftlichen Problems von Krankheit ins Private. Dieser Konflikt hat nicht nur eine individuelle Seite, denn Tausende von Frauen sind davon betroffen. Unsere Gesellschaft erhebt den Anspruch auf Gleichberechtigung. Sie erwartet aber immer nur von Frauen die artistische Höchstleitung, Beruf und Familie zu vereinbaren. Ist uns das mehr oder weniger gut gelungen, stellt sie uns vor die unmenschliche Alternative der Selbstaufopferung oder der Abschiebung kranker Angehöriger ins Heim. So wird die historische Tradition, Auswirkungen gesellschaftlicher Veränderungen auf dem Rücken der Frauen auszutragen, heute noch fortgesetzt.

Uschi Siemens


Nach oben
Zurück zur Übersicht

Geburtstag

WIR FRAUEN - Das feministische Blatt im Internet

9. September

Margherita von Brentano (1922-1995) deutsche Philosophin

Florence Hervé liest: Frauen und Berge