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Winter 04/2004

Geschlechterverhältnisse


Von Anbeginn der Geschichte machen Menschen ihr eigenes Leben täglich neu. D.h. sie produzieren die Mittel zum leben und neues Leben. Beide Prozesse sind zugleich natürlich und gesellschaftlich, beides sind Produktionsverhältnisse. Die Komplementarität bei der Fortpflanzung ist die natürliche Basis, auf der im historischen Prozess auch geformt wird, was als "natürlich" zu gelten hat. In dieser Weise treten die Geschlechter als Ungleiche aus dem Gesellschaftsprozess, wird ihre Nicht-Gleichheit zur Grundlage weiterer Überformungen und werden Geschlechterverhältnisse fundamentale Regelungsverhältnisse in allen Gesellschaftsformationen. Sie durchqueren bzw. sind wiederum zentral für Fragen von Arbeitsteilung, Herrschaft, Ausbeutung, Ideologie, Politik, Recht, Religion, Moral, Sexualität, Körper und Sinnen, Sprache, ja, im Grunde kann kein Bereich sinnvoll untersucht werden, ohne die Weise, wie sich Geschlechterverhältnisse formieren und geformt werden, mit zu erforschen. Davon abzusehen gelingt nur, wenn man zugleich - wie dies in der bürgerlichen Wissenschaftstradition üblich ist - , davon ausgeht, dass es nur eines, das männliche Geschlecht gibt und alle Verhältnisse also als männliche abzubilden sind. Dagegen zu opponieren und mit der Erforschung der „vergessenen Frauen“ als Nachtrag auch in den Wissenschaften zu beginnen, ist ein Verdienst des Feminismus der letzten drei Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Politisch wurde die anhaltende Unterdrückung der Frauen unter verschiedenen Begriffen zu skandalisieren gesucht: Frauenfrage z.B. mit dem Nachteil, dass Probleme der gesellschaftlichen Reproduktion als nebensächlich, eben als Frauenfragen gedacht wurden. Unterdrückung, mit dem Nachteil, dass die Frauen wesentlich als Opfer, nicht selbst als Akteurinnen gefasst wurden. Ungleichheit, mit dem Nachteil, dass die tatsächliche natürliche Differenz aus dem politisch-gesellschaftlichen Blickfeld gerät.

Der Begriff Geschlechterverhältnisse ist selbst umkämpft. Im deutschen Feminismus ist Geschlechterverhältnis eher gebräuchlich. Der Singularbegriff aber bezieht sich fast immer nur auf die persönliche Beziehung von Männern und Frauen zueinander, bzw. auf den Proporz von Männern und Frauen in ausgewählten Bereichen; er tut sich in der Folge auch schwer, eine unterstellte Festigkeit dessen, was Geschlechter sind, zu unterlaufen. Stattdessen gilt es, Begriffe so zu fassen, dass sie der Beweglichkeit und Veränderbarkeit des von ihnen Ergriffenen Rechnung tragen und dabei noch sich selbst mit zur Diskussion stellen. Unter dem Begriff Geschlechterverhältnisse sollen wie beim Begriff Produktionsverhältnisse Praxisverhältnisse (mehrere) der Geschlechter gefasst werden und dabei sowohl die Formierung der Akteure als auch die Reproduktion des gesellschaftlichen Ganzen auf dieser Grundlage der Erkenntnis zugänglich werden. Kein festes Verhältnis also und keine natürlichen festen Akteure.

Im Laufe der Geschichte, sieht man die Geschlechter durchaus verschieden in die Reproduktion des Ganzen eingespannt. Lehrreich ist es z.B. (wie Gramsci) zu studieren, wie die Entwicklung des Fordismus und des entsprechenden Massenarbeiters einherging und aufbaute auf der Einrichtung der Hausfrauenehe auch in der Arbeiterklasse, weil der "neue Menschentyp", dessen Arbeitskraft restlos in der Fabrik verbraucht werden sollte, der häuslichen Absicherung und Versorgung, der Verwahrung der Kinder und der entsprechenden Moral (kein ausschweifender Sex) bedurfte. So kann Arbeit mit Männern, Haus und Familie mit Frauen verbunden und von diesen Akteuren und Akteurinnen selbst getragen werden.

Der transnationale High-tech-Kapitalismus bringt diese Verteilung in den Geschlechterverhältnissen durcheinander. Der "männliche Ernährer" wird in die Arbeitslosigkeit freigesetzt – keiner kann mehr mit einem lebenslangen Vollzeitarbeitsplatz rechnen -; die weibliche Erwerbstätigkeit wächst, während gleichzeitig die Frauenarmut steigt; die Feminisierung der Arbeit in den "Dritten Welten" nimmt zu (das gilt für junge Frauen in Maquiladoras und Sweatshops vor allem); die Feminisierung auch des symbolischen Raumes ist unübersehbar (nicht nur Nachrichtensprecherinnen und Talkshowmasterinnen, auch die Helden der Science-fiction-Filme sind zunehmend weiblich und kompetent); unter den Gewinnern der neoliberalen Globalisierung gibt es Frauen (die allerdings junge, schöne kompetente Singles sein müssen) und insgesamt geht der Prozess mit zunehmender Verelendung der Masse der Frauen (und Kinder) einher. Dies wird sich fortsetzen, solange dieser Kapitalismus die Fragen der Reproduktion der Menschheit als randständig gegenüber dem Profitmachen ausgesondert hat. Eine Politik, die Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse fasst, muss noch erfunden werden.

Frigga Haug


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