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Winter 04/2004

80 Jahre und kein bisschen leise

Herzlichen Glückwunsch, Esther Bejarano

Esther Bejarano im Eingang der jüdischen Schule in Herlingen, Herbst 2004Nesthäkchen Esther, am 15. Dezember 1924 als jüngstes von vier Kindern der jüdischen Familie Loewy geboren, war ein echter Wildfang. Dauernd heckte sie irgendwelche Streiche aus und hielt mit ihren ständigen Verletzungen ihren Nachbarn, einen Arzt, auf Trab. Doch ihre glückliche Kindheit fand ein jähes Ende: 1933, als Hitler an die Macht kam, war sie gerade acht Jahre alt und sehr bald bekam ihre Familie zu spüren, was es hieß, jüdisch zu sein, in diesem faschistischen Deutschland.

1943 wurde Esther als 18jährige nach Auschwitz deportiert, wo ihr fünf Zahlen in den Arm geritzt wurden: 41948. Von da an war sie nicht mehr eine junge Frau namens Esther Loewy, sondern nur noch eine Nummer. 41948, diese Zahlen haben sich damals genauso unauslöschlich in ihre Haut gebrannt, wie die Erinnerungen an die Hölle von Auschwitz in ihr Gedächtnis. „ARBEIT MACHT FREI“ stand dort über dem Tor in großen Lettern geschrieben. Esthers „Freiheit“ bestand zunächst darin, auf einem Feld dicke Steine von einer Ecke zur anderen und wieder zurück zu schleppen – hin und her, tagein, tagaus. Später wurde sie in das „Mädchenorchesters von Auschwitz“ aufgenommen, dessen Aufgabe es war, morgens und abends den Zug der Arbeitskolonnen musikalisch begleiten. Später mussten die Mädchen die Zugtransporte mit den ankommenden Häftlingen begrüßen, das sollte den Neuankömmlingen ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Die Mädchen wussten genau, dass diese Menschen sofort ins Gas geschickt wurden, ihnen liefen die Tränen über die Wangen. Doch hinter ihnen standen jedoch schwer bewaffnete SS-Schergen und jede von ihnen musste befürchten, gnadenlos erschossen zu werden, sobald sie aufhört zu spielen.

Die qualvollen Zeit im Vernichtungslager und der Verlust nahezu ihrer ganzen Familie überschatteter ihre Jugend. Doch Esther Bejarano, wie die Vorsitzende des Auschwitz-Komitees seit ihrer Heirat mit Nissim am 23. Januar 1950 heißt, ließ sich nie unterkriegen: Das Stehauffrauchen überstand Faschismus und Krieg, den schweren Anfang im damaligen Palästina nach 1945 und den noch schwierigeren Start nach ihrer Rückkehr ins Nachkriegsdeutschland 1960.

Seit Jahrzehnten verknüpft Esther Bejarano ihre politische mit ihrer künstlerischen Arbeit. Trotz ihres hohen Alters geht regelmäßig in Schulen, wo sie den Jugendlichen von dem faschistischen Terror erzählt, steht mit der Gruppe Coincidence auf der Bühne und geht mit mir auf Lesereise. Für ihr antifaschistisches Wirken wird sie am 12. Dezember 2004 von der Internationalen Liga für Menschenrechte mit der Ossietzky-Medaille ausgezeichnet werden.

Wer ihr heute begegnet, trifft auf eine lebenslustige, aktive Frau mit viel Witz und Charme, die Reisen, Musik, Geselligkeit, gute Gespräche und kulinarische Genüsse liebt. Esther Bejarano stehe für das „Ja zum Leben“, sagen Bekannte und Weggefährten über sie. Ich hatte das Glück, diese kleine Frau mit der großen Wirkung persönlich kennen lernen zu können und mit ihr gemeinsam ihr bewegtes Leben in der Biographie „Wir leben trotzdem! Esther Bejarano – vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Künstlerin für den Frieden“ zu Papier bringen zu dürfen. Diese wunderbare, aktive, mutige und lebenslustige Frau zu portraitieren war eine große Herausforderung für eine Journalistin – und eine noch größere Ehre, es mit ihr gemeinsam tun zu dürfen. Danke Dir Esther, für Dein Vertrauen.

Alles Liebe zu Deinem 80. Geburtstag und hoffentlich noch viele gemeinsame Lesereisen wünscht

Birgit Gärtner


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