Winter 04/2004
Ihr erstes Buch schrieb sie aus lauter Langeweile. „Gilgi – eine von uns“ wurde 1931 auf Anhieb ein Bestseller. Da sie sich bereits damals fünf Jahre jünger gemacht hatte, wurde Irmgard Keun als „Fräuleinwunder“ gefeiert. Kästner jubelte: „Eine schreibende Frau mit Humor. Hurra!“ Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte sie „Das kunstseidene Mädchen“. Ähnliches Sujet und ähnlich großer Erfolg: Die Geschichten der jungen Frauen, die unabhängig und berufstätig ihr Leben in der Großstadt führen wollten und gegen die Zwänge der Umgebung ankämpften, erzählt im Stil der „Neuen Sachlichkeit“, trafen den Nerv der späten Weimarer Republik.
Wegen „antideutscher Tendenzen“ wurden Keuns Bücher von den Nazis verboten. Sie klagte gegen die Regierung auf Schadensersatz. In der Folge musste sie fliehen. Ihr Gatte Johannes Tralow, der in Deutschland blieb und sich mit den Machthabern arrangierte, erhielt 1937 ein Telegramm: „Ich schlafe mit Juden und Negern. Laß dich endlich scheiden. Irmgard!“ Im Mai war die Ehe geschieden.
In den folgenden Jahren schrieb sie für einen holländischen Verlag: Neben dem Roman „Das Mädchen mit dem die Kinder nicht verkehren durften“ erschien 1937 „Nach Mitternacht“ – eine bittere Abrechnung mit Nazideutschland.
Im Exil lernte sie den österreichischen Schriftsteller Joseph Roth kennen, mit dem sie anderthalb Jahre quer durch Europa reiste. Über ihre Erlebnisse in dieser Zeit schrieb sie zwei Bücher: „ „D-Zug dritter Klasse“ und „Kind aller Länder“.
1940 hieß es, Irmgard Keun habe in Amsterdam Selbstmord verübt. In Wahrheit kehrte sie mit einem gefälschten Paß zurück nach Köln zu ihren Eltern. Fünf Jahre lebte sie in der Illegalität.
Im Nachkriegsdeutschland schrieb sie für den Rundfunk und Zeitungen satirische Stücke. 1950 veröffentlichte sie ihren letzten Roman: „Ferdinand, der Mann mit dem freundlichen Herzen“, doch ohne Erfolg. Auch die Wiederauflagen ihrer früheren Romane verkauften sich nicht.
Mit 46 Jahren gebar sie ihre Tochter Martina, den Vater hat sie nie genannt. Da die Moralisten dieser Zeit auf uneheliche Mütter nicht gut zu sprechen waren, ging Irmgard Keun dieses Problem gewohnt diplomatisch an: Sie inserierte das freudige Ereignis im Kölner Stadt-Anzeiger.
Doch ihr verging zunehmend die Lust am Lachen, an der Kühnheit, an der Provokation. Nachkriegsdeutschland machte sie krank. „Ich will fort von hier. Ich hasse es, hier zu sein – so hoffnungslos vergiftet und verschlammt ist alles hier.“. Ihr Alkoholkonsum steigerte sich dramatisch. In den 60er Jahren verbrachte sie etliche Jahre im Landeskrankenhaus Bonn, Martina wurde ins Heim gebracht.
Erst Ende der 70er Jahre kam es im Zuge der Frauenbewegung zu einem grandiosen Comeback. Ein Jahr vor ihrem Tod erhielt sie den ersten Marieluise-Fleißer-Preis der Stadt Ingolstadt.
Doris Heeger
Geburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin