Winter 4/2005
WF: Sie sind Professorin bzw. Privatdozentin für Philosophie mit Schwerpunkt feministische Theorien an der Uni Siegen. Welche Erfahrungen haben Sie mit dieser Kombination im männerdominierten Hochschulbetrieb gemacht?
Dr. Kuster: Ich denke, es ist ein Risiko, wenn Frauen sich in ihren Arbeiten feministischen Fragestellungen zuwenden. Es kursiert unter Nachwuchswissenschaftlerinnen die Empfehlung, bis zur Habilitation auch bei strengster feministischer Gesinnung kein feministisches Thema zu behandeln, erst danach.
Prof. Heinz: Als wir anfingen, uns mit feministischen Theorien zu beschäftigen, sind wir nur auf Spott gestoßen. Ich hatte eine Professur inne mit dem Schwerpunkt feministische Philosophie, da gab es dann doch zunehmend Akzeptanz. Aber auf keinen Fall hatte es gegeben, was man sich von feministischer Seite wünschen würde, nämlich dass Männer das in ihre kritische Selbstreflexion als Wissenschaftler biografisch oder thematisch aufgenommen haben. Die Ausnahmen, die Männerforscher, die unterliegen eben den gleichen Ausschlusskriterien, die Frau Kuster für die Frauen beschrieben hat. Und das allerneueste Argument ist, es gebe keinen Grund mehr dafür, sich mit feministischen Theorien zu befassen. Auch politisch, im öffentlichen Bewusstsein gibt es ja einen deutlichen shift gibt: die Emanzipation sei vollzogen, Gleichstellung sei erreicht. Auf EU-Ebene werden diese Fragen nur noch unter der Berücksichtigung der Mobilisierung von Arbeitskräften thematisiert. Daraus spricht ein gewisser Zynismus. Frauen sind die einzige humane Ressource, die noch nicht bis zum Optimum ausgeschöpft ist.
Dr. Kuster: Man kann wirklich sagen, dass aus Gerechtigkeitsfragen ökonomische geworden sind. Es wird offen unter dem Stichwort „leaky pipeline“ diskutiert, dass man die Familienpolitik ändern müsse. Die hochqualifizierten Frauen sind die Ressource, das Loch in der pipeline entsteht, wenn diese Ressource in Familie und Hausarbeit absorbiert wird und das investierte Wissenskapital nicht verwirtschaftet werden kann.
WF: Dann wäre die Befreiung der Frauen also durchgesetzt?
Dr. Kuster: Man muss ja auch mal ganz nüchtern sagen, wovon sollen die Frauen sich noch „befreien“, wenn sie sich zur Erwerbsarbeit und sexuell Emanzipiert haben? Das waren ja die zwei zentralen Felder männlicher Repression, und da hat sich doch viel getan. Im Moment ist das Hauptkampffeld zwischen den Geschlechtern doch wohl die gerechte Verteilung der Hausarbeit.
Prof. Heinz: Natürlich gibt es noch massive Ungleichheiten, die mit diesen alten Feldern der Repression zu tun haben, und es ist nicht überflüssig geworden, sich in diesen Feldern weiter einzusetzen, wie Verteilung des Eigentums oder gleiche Bezahlung. Belastungsunterschiede und Verteilungsunterschiede gravierender Art sind immer noch zwischen den Geschlechtern festzustellen. Aber strukturell betrachtet sind das doch vielleicht nur Nachträglichkeiten, die sich egalisieren werden.
WF: Frauen haben also mit den Männern gleichgezogen. Aber die Art, wie wir leben und arbeiten, ist immer noch bestimmt von der männlichen Form von Leben und Arbeit. Wäre das nicht ein Aspekt des Befreiungsgedankens der Frauenbewegung, diesen Maßstab, den über Jahrhunderte Männer entwickelt haben, in Frage zu stellen?
Dr. Kuster: Das geht ja nicht in die Köpfe rein: Die Spaltung zwischen Hausarbeit und Erwerbsarbeit war strukturell tragend für die Industriegesellschaft. Wenn jetzt alle Frauen in die Erwerbsarbeit gehen, dann stellt sich die Frage, was ist mit der Hausarbeit und das ist das derzeit umkämpfte Terrain. Das große Problem ist ja, dass das, was Frauen als Autonomiezuwachs erfahren, Männer ihrerseits als Deprivilegierung erleben. Das wäre so, als wenn man, wie Ulrich Beck es formuliert, den Adel zu Leibeigenen der Bauern machen wollte. Sprich: auf eine Deprivilegierung lässt sich keiner freiwillig ein. Deshalb sind die Männer mit ihrer Verhaltensstarre bei verbaler Aufgeschlossenheit so eine zähe Masse. Natürlich müsste man ganz andere, neue Formen der Erwerbsarbeit Erfinden. Man müsste stückeln, flexibilisieren, verstärkt Teilzeitarbeitsplätze einrichten usw.. Stattdessen haben wir eine Gesellschaft, die keine Kinder mehr kriegt, weil es für die Frauen nicht zu schaffen ist. 42% der akademisch ausgebildeten Frauen in Deutschland haben keine Kinder, in Skandinavien sind es 8%. Das ist empörend.
WF: In einem Artikel der „WIR FRAUEN in NRW“ haben Sie 2003 den Brückenschlag von der Philosophie zur Politik, speziell zur Frauenpolitik gefordert. Sind gender-studies das Instrument für diese Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft?
Dr. Kuster: Feministische Wissenschaft ist in dem Sinne überflüssig geworden. Anfangs, als jede Disziplin ihren Kanon hatte und noch den Appendix der Frauenforschung, da war das so eine Nische, wo Frauen über Frauen in ihrer Wissenschaft geforscht haben. Die gender-studies sind eine Weiterentwicklung der Frauenforschung heraus aus der Nische. Das In-den-Blick-nehmen der Geschlechterordnung als Ganzer, und zwar als einer gesellschaftlich konstruierten, ist inzwischen in allen Disziplinen etabliert. Sicher nicht in dem Maße, wie wir das gerne hätten. Gender-Forschung wird aber nicht nur in der Engführung auf gender-mainstreaming-Prozesse hin betrieben. Sie ist mittlerweile doch in jeder Disziplin als ein Reflexionspotential auch institutionell verankert. Gender-studies überprüfen, inwiefern z. B. die Biologie, die Medizin oder die Theologie mit ihrer Art von Wissen dazu beigetragen haben, in der Geschichte und in der Gegenwart eine geschlechtsdichotomisierten Wirklichkeit zu etablieren.
WF: Differenztheorie, Egalitätstheorie, ist das das Neueste in der feministischen Wissenschaft?
Zum Weiterlesen:
Philosophische Geschlechtertheorien. Ausgewählte Texte von der Antike bis zur Gegenwart. Hrsg. und eingeleitet von Sabine Doyé, Marion Heinz, Friederike Kuster. Reclam Bd. 18190
Prof. Heinz: Das ist der alte Hut. Die neuen Problemfelder sind eben die, die in der Biopolitik umrissen werden, wo Frauen aufgrund ihrer spezifischen Körperlichkeit besonders betroffen sind und entsprechend ihre eigene Position zu beziehen haben. Das würde ich aus meiner Perspektive als einen neuen Themenbereich ansehen. Dann das Thema Gleichheit/Ungleichheit in allen möglichen Schattierungen und auch aus allen möglichen Perspektiven her: Gibt es gewollte und wünschenswerte Ungleichheiten? Wie kann man die beschreiben? Wo sind Freiheitsspielräume zu tolerieren, die sich auch gegen Gleichheitsforderungen autoritärer Art richten? Dann die Migrationsfragen, Multikulturalitäten.
Dr. Kuster: Wenn Sie ganz allgemein nach feministischen Theorien fragen, dann würde ich sagen, dass die Theorien, die näher an der gesellschaftlichen Wirklichkeit als die Philosophie sind, sich mit den aktuellen politischen Problemlagen beschäftigen, also Globalisierungsprozesse, Auswirkungen von Transnationalisierungsprozessen auf weibliche Lebenszusammenhänge, weltweite Armut der Frauen, Frauen als mögliche Verliererinnen der Globalisierung. Aber auch im gesellschaftlichen Mikrobereich ist etwas passiert. Es gibt Entwicklungen und Veränderungen in der Sexualität, in den Formen, wie Intimität und Privatheit gestaltet und gelebt werden - Stichwort Neosexualitäten, die von der Art sind, dass alte, eingefahrene feministische Erklärungsmuster dem Phänomenbestand nicht mehr gerecht werden. Da gibt es in einigen Disziplinen Versuche der Neujustierung.
WF: Was ist Ihr aktuelles Projekt, das Europäische Zentrum für Geschlechtertheorien?
Prof. Heinz: Zum einen hat dieses Projekt einen wissenschaftspolitischen Charakter. Es soll eine Vernetzung der bisher relativ stark national agierenden Forschungen auf diesem Gebiet anstreben, zumal die starke Dominanz amerikanischer Forscherinnen nicht in jeder Hinsicht auf dem Gebiet der Philosophie qualitativ erstrebenswerte Resultate erbringt.
Dr. Kuster: Inhaltlich nimmt es seinen Ausgang von einem gemeinsamen Projekt, das wir vor einigen Jahren begonnen haben. Wir wollten den dunklen Kontinent der Theoriestücke innerhalb des philosophischen Kanons aufarbeiten, der chronisch vernachlässigt wird. Genauer: die Texte innerhalb der Philosophie, die sich mit dem Geschlechterverhältnis beschäftigen, zu präsentieren. Man stellt fest, dass alle großen Philosophen über das Geschlechterverhältnis reflektiert haben und das mit einem sehr ernsthaften Anspruch. Das kann man daran erkennen, an welcher Stelle im System oder im Werk diese Theorieteile stehen. Diese Theorien sind aber vom etablierten „malestream“ nie ernstgenommen worden. Ganz im Gegenteil: Sie sind als misogyne Auswüchse der Philosophen karikiert worden und entsprechend nicht in ihrer zentralen Relevanz innerhalb der politischen Philosophie adäquat behandelt worden. Wir konnten da zunächst nur eine Bresche schlagen mit der Herausgabe der wichtigsten, einschlägigen Texte und ersten einführenden Kommentierungen in unserem Reclam-Band, wobei wir versucht haben, einen roten Faden durch die Tradition zu legen. Dieses Feld wollen wir weiter ausbauen. Das kann man natürlich nur mit einschlägig kompetenten Kolleginnen. Und deshalb bietet sich eine Europäisierung an, weil es historisch immer bestimmte Nationen gewesen sind, in denen sich zu bestimmten historischen Zeitpunkten innovative Ideenpotentiale entfalteten, also z.B. die englische Aufklärung, die französische Aufklärung, die deutsche Romantik. Man kann dann als ein internationaler ForscherInnenverband gemeinsam die Aufarbeitung einer Philosophie der Geschlechter-, Familien- und Sozialordnung im europäischen Rahmen vorantreiben. Kein bescheidenes Vorhaben!
Geburtstag
Betty Friedan (1921) US-amerikanische Feministin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin