Winter 4/2005
Verschiedene Begebenheiten haben mich in den letzten Monaten bewogen, mich kritisch zu fragen: was heißt es heute eigentlich, Feministin zu sein? Wofür brauche ich meinen Feminismus (noch)? Oder hat es sich überlebt angesichts Gender Mainstreaming, Diversity und anything goes, also angesichts der Überschwemmung mit Anglizismen, die alles und nichts sagen; die helfen, sich nicht mehr positionieren zu müssen?
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin der Überzeugung, dass „wir“ „unseren“ Feminismus brauchen! [1] Wir brauchen Freude an der Auseinandersetzung um Visionen und Wissen um unsere Tradition im Sinne Ricarda Huchs. Wir brauchen nicht die Schamesröte im Gesicht, wenn wir auch nur in die Nähe feministischer Positionen gerückt werden könnten [2].
Was die Feministin erzürnt und wovon sie genug hat
Teil 1
Die Zeitschrift Brigitte gibt eine Hörbuchreihe heraus: „Starke Stimmen“: Frauen lesen Literatur von Frauen. Elke Heidenreich liest das erste Buch der Reihe und kommentiert dies mit folgenden Worten: „Alles ... hat mir gezeigt: Frauen lesen mehr als Männer. ... Und deshalb ist die Idee, Frauen für Frauen lesen zu lassen, gar nicht so schlecht. Das gefällt mir, da passt mal wieder alles zusammen ohne dass es aus der Emanzenecke mit dem schwingenden Schwert daherkommt.“ [3}
Wo, liebe Frau Heidenreich, machen Sie im Jahr 2005 noch die Emanzenecke mit dem schwingenden Schwert aus? Und wieso haben Sie es nötig, sich derart abwertend zu distanzieren? Es erschüttert mich, dass eine Frau, die so sensibel für Sprache zu sein vorgibt, sich nicht klar macht, dass sie eine ganze Frauengeneration in ihren Bemühungen für eine gerechtere Gesellschaft diffamiert. Es macht mich wütend, dass Frauen immer noch so unsolidarisch und so abwertend glauben sein zu müssen.
Teil 2
Im April 2005 kommt bei einer privaten Geburtstagsfeier (Bi- + Lesbenrunde) das Thema „Frauensprache“ auf und es fällt folgender Satz: „
Ich habe in dieser für mich völlig überraschenden Situation, nichts zu entgegnen; ich vermisse meinen Stolz, der so schnell abhanden kommt in einem Klima, wo „alle“ sich einig sind, dass wir das doch heute nicht mehr nötig haben: Frauenorte, Frauensprache und all so was. Ghettos! Schnee von gestern! Nicht trendy! Zurück bleibt das Ohnmachts-Gefühl und eine Wut: so nicht!!
Teil 3
Ich lese das Editorial von Alice Schwarzer in der EMMA [4]. Titel. „Angeklagt: der Feminismus“: „Ist es ... schon mal aufgefallen, dass der Begriff „Feminismus“ bzw. „Feministin“ besonders in deutschen Gazetten quasi zwingend begleitet ist von Adjektiven wie „verbissen“, „dogmatisch“, „gestrig“ oder ... „moralinsauer“?“
‚Genau’ denke ich und freue mich, dass eine profilierte Stimme anhebt, den Feminismus zu verteidigen. Aber, was macht Frau Schwarzer in weiteren Verlauf?: Sie zieht tiefe Gräben zwischen den ‚guten’ „Gleichheits-Feminstinnen“ à la EMMA, die immer schon die „Machtfrage“ gestellt hätten und den ‚bösen’ „Differenz-Feministinnen“ [5] à la Courage [6], die nach Schwarzer einem verträumten biologistischen Ansatz anhingen und Frauen auf ihre Mutter- und Familienrolle reduziert hätten. Nach Schwarzer ist klar: die Differenz-Feministinnen sind am schlechten Ruf des Feminismus schuld und sie sind auch noch schuld, dass es den Frauen in Deutschland im internationalen Vergleich so viel schlechter geht als anderen. Und Frau Schwarzer schließt hoffnungsvoll: „Könnten wir nicht endlich gemeinsam weiterdenken und -handeln - statt uns immerzu voneinander zu distanzieren?“ Womit sie allerdings keineswegs die Differenzfeministinnen anspricht sondern die Journalistinnen - wie Elke Heidenreich - die sich vom Feminismus distanzieren.
Erschütternd daran ist, dass Frau Schwarzer genau das tut, wogegen sie sich wehrt: sie diffamiert einen wichtigen Flügel innerhalb der Frauenbewegung, distanziert sich und bleibt mit dieser Schuldverteilung in bester patriarchaler Tradition. Damit manifestiert sie selbst den schlechten Ruf des Feminismus.
Fazit
Es sind immer wieder auch Frauen, die Versuche von Frauen abwerten, eigene Wege zu finden. Hier frage ich mich resigniert: Warum sind wir uns selbst z.T. immer noch die ärgsten Feindinnen? Warum hat das patriarchale „teile und herrsche“ immer noch soviel Kraft. Wann lernen Frauen endlich, einander mit Wertschätzung zu begegnen? Doch bevor ich frustriert im Leid versinke, erinnere ich mich des positiven Aspektes der ReSignation: „Das Gefühl der Resignation sagt: ‚Es geht nicht’. Der Zweifel und die Chance sagen: ‚So geht es nicht’. Re-Signieren: die Chance ist, eine neue Signatur zu geben; die eigene Signatur zu etwas Neuem oder Veränderten geben. [7] Es geht also um eine positive Neu- und Umbewertung der feministischen Tradition aus der wir die Kraft ziehen, mit Begeisterung nach vorne zu schauen. Eigentlich gilt:
Feminismus: eine Nasenlänge voraus
Die feministischen Akteurinnen der zweiten Frauenbewegung (die ja angeblich am schlechten Ruf des Feminismus Schuld tragen) haben mit ihrem Enthusiasmus ungeheuer vieles erreicht [8]; sie haben Mut bewiesen, haben gelernt, ausprobiert und wieder verworfen, weitergegeben und vieles aufgebaut, von dem wir heute profitieren können. Es sind Ansätze und Konzepte entwickelt worden, die zukunftsweisend sind.
Ich will ein solches Konzept vorstellen, das ich wegweisend finde auch für heutiges und zukünftiges (politisches) Handeln von Frauen: das Affidamento-Konzept der Frauen des Mailänder Frauenbuchladens.
Affidamento: Politik der Beziehungen auf Basis der Unterschiedlichkeit von Frauen
Mit ihrem Buch: „Wie weibliche Freiheit entsteht“ [9] entwickelten die Autorinnen des Mailänder Frauenbuchladens Libreria della donne de milano eine Politik der Beziehungen zwischen Frauen, die die Unterschiedlichkeit zum Potential erhebt - Politik der Differenz. Frauen können Autonomie und Freiheit erreichen, wenn sie sich aufeinander beziehen, und wenn sie die Differenz als Basis eigener Entwicklungen begreifen. Dieses Konzept ist mit dem kurzen Begriff „Affidamento“ gekennzeichnet worden, was „sich anvertrauen“ - hier: ‚einer anderen Frau anvertrauen’ bedeutet. Wichtige Begriffe in diesem Konzept sind [10]:
Affidamento postuliert das, was es immer wieder zu lernen gilt: Wertschätzung, die wir uns Frauen grundsätzlich entgegenbringen. Aufhören mit den gegenseitigen Diffamierungen und Abwertungen; was nicht bedeutet, mit den Auseinandersetzungen aufzuhören; und Lernen, Unterschiedlichkeit als Potential wahrzunehmen und zu leben. Das liest sich einfach; dahinter liegen große Schwierigkeiten, dies in der Praxis umzusetzen. Wie lerne ich eine Auseinandersetzung mit einer anderen in Wertschätzung, die komplett eine andere Meinung, Haltung vertritt als ich?
Grundlage hierfür ist u.a. die Selbstachtung; sie ist die Basis, andere Frauen als Frauen achten und anerkennen zu können. Das z.Zt. viel zitierte „Diversity-Management“ heißt nichts anderes: in der Umsetzung geht es darum, die einzelnen Menschen in ihrer Selbstachtung zu stärken und sie darin zu unterstützen, mit anderen in deren Unterschiedlichkeit leben und arbeiten zu können. Auch hier gilt also: Feminismus - eine Nasenlänge voraus!
Im Dialog zum feministischen Aufwind
Affidamento ist nicht nur im Diversity - Konzept wieder zu finden sondern auch bei Christina Thürmer-Rohr. In ihrem Aufsatz „das feministische Problem mit der Macht“ wertet sie Hannah Arendts Machtbegriff für zukünftige feministische Politik aus: „Macht besitzt eigentlich niemand, sie entsteht zwischen Menschen, wenn sie zusammen handeln und sie verschwindet, sobald sie sich wieder zerstreuen.“ [12]
Arendts Machtbegriff legt den Akzent auf die Gruppierungen, die durch ihre Initiative und ihren Zusammenhalt - meist auf Zeit - Macht bekommen, indem sie etwas anfangen, was vorher nicht bestand. Diese Macht ist gebunden und wird gestützt durch das, ‚was die Leute davon halten’, durch Meinungen und freie Zustimmung.
Hier sind wir wieder am Anfang angelangt - und erkennen, wieso feministische Strömungen kaum noch Macht besitzen: es fehlt weithin die Zustimmung; die Resonanz ist häufig geprägt von Abwertung und Diffamierung. Und hier können wir nur - um dies zu ändern - bei uns selbst beginnen: indem wir wieder miteinander ein positives, selbstbewusstes Bild als Feministinnen entwerfen, ReSignieren.
Die Mailänderinnen haben mit ihrer Politik der Beziehungen auch im Arendtschen Sinne eine Kern-Forderung formuliert. Dies weiter gesponnen bedeutet, uns unserer Tradition bewusst zu sein, sie zu achten und auf dieser Basis miteinander in Dialog zu treten: welche Wünsche, Visionen und Ziele verfolgen wir in einem Zeitalter mit vermutlich einer ersten Kanzlerin, in dem gleichzeitig das Thema „Gewalt gegen Frauen“ nichts an Brisanz und Aktualität eingebüßt hat. Dabei ist es notwendig, jüngere Frauen im Dialog zu erreichen. Wir brauchen Resonanz und Zustimmung - vor allem bei den jüngeren Frauen - gepaart mit Enthusiasmus und Begeisterung kann die dritte Frauenbewegung in Deutschland Aufwind bekommen. Lasst uns in einen neuen, frischen, frechen, feministischen Dialog treten.
Ann Marie Krewer, Dr. phil., Leitungsteam des Frauenbildungshaus Zülpich
[1] Ja, ich weiß, wer sind „wir“? Auf keinen Fall das einheitliche „Wir“, das „wir“ in den Anfängen von Frauenbewegung noch sein konnten; „wir“ sind zunächst alle die, die sich von diesem Artikel angesprochen fühlen.
[2] Hier ist übrigens die Lektüre der Zeitschrift BRIGITTE spannend, um zu sehen, wie das mit dem Feminismus in der Gesamtgesellschaft gerade weitergeht: Glosse: „Emanze? - Ich doch nicht! Warum es so peinlich ist, Feministin zu sein - aber trotzdem notwendig. BRIGITTE Nr. 20, Sept. 2005, S. 256.
[3] Zeitschrift BRIGITTE, März 05
[4] Nr. 2, März/April 2005, S. 6f
[5] Eine sehr gute Gegenüberstellung von Gleichheits- und Differenz-Feminismus bietet Christina Thürmer-Rohr: Das feministische Problem mit der Macht und die Provokation durch Hannah Arendts Machtbegriff. Vortragsmanuskript über die Website http://home.snafu.de/thuermer-rohr.
[6] Courage: Frauenzeitschrift der 80er Jahre, kam ungefähr parallel mit EMMA auf den Markt und der autonomen Frauenbewegung zuzurechnen.
[7] Nach: Ruth Cohn, Resignation als Chance zur Innovation; in: Dies.: Es geht ums Anteilnehmen, Freiburg 1993, S. 113ff
[8] Ich bin übrigens zutiefst der Überzeugung, dass eine Kanzlerin Merkel auch ein Erfolg der Frauenbewegung ist! - ob es uns passt oder nicht! Es ist ein spannendes feministisches Forschungsprojekt, zu verfolgen, was diese Kanzlerinnenschaft für die Frauen und diese Gesellschaft bedeutet - und das entsprechend zu kommentieren und dokumentieren. Auch hierin liegt eine Chance der ReSignation!
[9] Libreria delle donne di milano, Wie weibliche Freiheit entsteht, Berlin 1988.
[10] Dies ist natürlich eine sehr starke Reduktion auf einige zentrale Begriffe des Affidamento-Konzeptes. Lektüre und Auseinandersetzung lohnt immer noch sehr!
[11] Ein Begriff übrigens, der für erbitterte Diskussionen gesorgt hat, da es vielen Frauen schwer fiel, so den Begriff der Mutter zu benutzen und positiv umzudeuten.
[12] Hannah Arendt: Vita Activa, München 1981, S. 194; zit.n. Thürmer-Rohr, s.o. Übrigens hat auch Andrea Günter sich sehr intensiv mit Hannah Arendt beschäftigt und Teile ihres Philosophie-Gebäudes in den Differenz-Feminismus der Mailänderinnen integriert: z.B.: Andrea Günter: Autorität und Frauenbeziehungen. In: Schlangenbrut, 15. Jg, Nov 1997, S. 13ff
Nach obenGeburtstag
Betty Friedan (1921) US-amerikanische Feministin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin