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Winter 4/2005

Radikaler Feminismus will mehr als „die Hälfte vom verschimmelten Kuchen“

Kein Zweifel, die feministische Bewegung hat viel erreicht! Bis Ende der 1970er Jahre hatten Ehemänner in der BRD noch das verbriefte Recht, ihren Frauen die Lohnarbeit zu verbieten, sollte diese die Frauen daran hindern, ihren ehelichen sprich häuslichen „Pflichten“ nachzukommen. Zugegeben, dass Gesetz ist außer Kraft. Heute haben Frauen das volle Recht, aus eigenen Stücken den Spagat zwischen Familie und Beruf zu leisten und die Freuden der Doppelbelastung in vollen Zügen zu genießen.

Auch über ihre Fruchtbarkeit bestimmen Frauen - hier und heute- weitestgehend selbst, die Pille war da ein Quantensprung in Sachen sexueller Selbstbestimmung. Wie frei aber ist heute die Wahl, wenn es gilt zu entscheiden zwischen Kindern - was oftmals heißt: finanzielle Abhängigkeit oder gar Armut- einerseits und der Chance auf berufliche Integration und eigenes Einkommen andererseits?

Selbstbestimmung oder Selbstdisziplinierung?

Andrea Trumann widmet sich diesen und anderen Zwiespältigkeiten feministischer Forderungen und Errungenschaften: Selbstbestimmung kann in einer unfreien, in einer kapitalistischen Gesellschaft, kaum etwas anderes sein, als Selbstdisziplinierung. Die Notwendigkeit und der Wunsch, in diesem System „anschlussfähig“ zu sein, macht einen autoritären, patriarchalen Staat und repressive Gesetze nahezu überflüssig. Die Anpassung an „die Realitäten“ und alltäglichen Sachzwänge erfolgt freiwillig und vor allem: sie ist ein ganz individuelles Projekt. Das Politische ist in der Praxis längst privat geworden.

Ein Feminismus, der sich in der Frage erschöpft, ob es ein Fortschritt sei, wenn „eine von uns“ endlich Kanzlerin wird, der sich also in Fragen der Gleichstellung einiger weniger erschöpft, die teilhaben dürfen, solange sie den Spielregeln folgen, greift grundsätzlich zu kurz.

„Hier leben die alten Parolen jenes Karrierefeminismus wieder auf, den Alice Schwarzer lange Zeit mit Statements immerhin bedauert hat. Gerne dann, wenn es um die nachfolgende junge Girlie-Generation ging, die ja nur mehr individualistisch durchs Leben strauchle. Kollektive Frauenbewegung, Solidarität, Gleichstellungskampf? Keine Ahnung mehr davon.“ schreibt Susanne Lang.

Doch, es gibt sie ja noch oder auch wieder, die Solidarität unter Frauen, konstatiert Lang süffisant: ein neuer Frauenbund mit dem Namen „Victress“ tagte kürzlich unter dem Motto „Mut zur Macht“ in Berlin. Highlight des Abends: Merkel kam zu Besuch und sprach vor den anwesenden „Siegerinnen“.

Frauen erreichen heute alles! Das beweisen die Ausnahmen...

Dem Feminismus sind damit die Zähne gezogen. Nun, da „uns“ alle Posten zugänglich sind – einige wenige erbringen schließlich den Beweis – konzentrieren sich die noch ausstehenden Kämpfe auf eine gerechtere Verteilung der Hausarbeit und gleichen Lohn. „Belastungsunterschiede und Verteilungsunterschiede gravierender Art sind immer noch zwischen den Geschlechtern festzustellen. Aber strukturell betrachtet sind das doch vielleicht nur Nachträglichkeiten, die sich über kurz oder lang egalisieren werden.“, so Prof. Heinz, Philosophin an der Uni Siegen. Trotz aller Anachronismen, die jeden gesellschaftlichen Wandel begleiten: Letztendlich haben „WIR FRAUEN“ das ökonomische System sogar auf unserer Seite. Natürlich muss heute über Familienpolitik diskutiert werden. Es kann nämlich nicht angehen, dass hochqualifizierte Frauen in Familie und Hausarbeit absorbiert werden – was für eine Verschwendung von Investitionen! Prof. Heinz zu den Diskussionen auf EU-Ebene: „Unterschiede im Geschlechterverhältnis werden nicht mehr im Sinne von Ungerechtigkeiten verstanden, sondern nur noch als Störfaktoren, die eine optimale Ausnutzung der Ressource Frau als Arbeitskraft verhindern können.“

Literatur:

Ein neuer Trend zeichnet sich denn auch ab: bevorzugt im weiten Feld der Reproduktion, in Pflege, Aufsicht und Erziehung werden Ein-Euro-Jobs geschaffen. Gut möglich, dass davon auch die einen oder anderen berufstätigen Frauen profitieren. Damit würde das Thema Arbeitsteilung zuhause um ein Wesentliches entschärft.

Nancy Fraser kommt zu dem Schluss, der Glaube, eine rein kulturelle Veränderung im Sinne von Anerkennung führe automatisch auch zu sozialer Gerechtigkeit, habe sich als Irrtum erwiesen. Die Welt wird eben nicht dadurch menschenfreundlicher und gerechter, dass (einige) Frauen es in Vorstandsetagen und Regierungspaläste geschafft haben.

Sind der feministischen Bewegung die Utopien abhanden gekommen?

In den letzten Jahren und Jahrzehnten kamen der feministischen Bewegung vielerorts die Utopien abhanden. In den USA, so Frasers These, profitierten vor allem die evangelikalen Fundamentalisten von diesem Vakuum an radikaler Vision. Sie stellen der neoliberalen ökonomischen Ordnung, einer Ordnung, die immer mehr Menschen, Männer wie Frauen, in unsichere Mehrfachbeschäftigung zwingt, trotzig ein „kuscheliges“ Modell von Familie und von Beziehungen jenseits kalter Profitlogik entgegen. Mag dieses Modell auch noch so reaktionär und rückschrittlich sein, es erscheint heute in den USA einer Vielzahl von Menschen als attraktive, vielleicht sogar einzige Alternative zum menschenfeindlichen Neoliberalismus.

Steht eine feministische Bewegung also vor der Wahl, entweder einem traditionellen Familienbild, der Idee der getrennten Sphären und einer Reduzierung der Frau auf die Rolle als fürsorgliche Mutter idealisierend das Wort zu reden oder sich andererseits darin zu erschöpfen, das gleiche Recht auf Selbstausbeutung, reibungslose Integration und Teilhabe an den herrschenden Verhältnissen zu fordern? Gibt es da noch etwas anderes als einen jeweils auf die Spitze getriebenen Differenz- bzw. Gleichheitsfeminismus, der keine anderen Koordinaten als die kulturelle Anerkennung kennt?

"Die Überlegungen der Frauen, die mit den sozialen und geschlechterspezifischen Ungleichheiten nicht zufrieden sind, werden weiterhin nicht dabei enden, dass sie die Hälfte vom verschimmelten Kuchen wollen oder gar die Hälfte der Fensterplätze auf der untergehenden Titanic.", so Gisela Notz.

Eine feministische Bewegung, die sich noch radikal nennen will, muss an die Wurzeln gehen und kann sich dabei durchaus ihrer eigenen Ursprünge besinnen. Es gilt, die Verteilungsfrage vor allem auch als ökonomische, also als Frage nach sozialer Gerechtigkeit aufzuwerfen. Der Blick über den nationalen Tellerrand, die Internationalisierung der Solidarität ist dabei moralisch wie strategisch von zentraler Bedeutung.

Radikaler Feminismus stellt in Frage, nach welchen Regeln „der Kuchen“ verteilt wird

Es gilt, die Funktionsweise und die Spielregeln eines Systems zu hinterfragen, dass nicht nur Frauen marginalisiert, innerhalb der marginalisierten Gruppen Frauen aber immer noch zusätzlich und auf jeweils besondere Weise trifft. Es sind diese Erfahrungen, so unterschiedlich sie sich weltweit auch darstellen mögen, die Frauen eigentlich dafür prädestinieren, Verhältnisse fundamental in Frage zu stellen. Dies geschah und geschieht immer dort, wo Frauen ihre Erfahrungen miteinander reflektieren und gemeinsam aktiv werden.

Das bedeutet auch, die Frage nach den Bündnispartnerinnen und Bündnispartnern immer wieder neu zu stellen. Verfolgen „WIR FRAUEN“ wirklich das gleiche gesellschaftliche Projekt? Ist eine Frau Merkel als Kanzlerin wirklich ein feministischer Fortschritt? Welche sozialen und politischen Bewegungen stellen heute die Verteilungsfrage?

Noch einmal Andrea Trumann: „Eine feministische Theorie und Praxis, die nicht der Anpassung der Frauen an die neuesten Herrschaftsmechanismen dienen will, sollte sich zumindest ein Bewusstsein davon bewahren, dass wahre Selbstbestimmung erst in einer wahrhaft freien Gesellschaft möglich ist.“ Anders formuliert: Wer von Feminismus und sozialer Gerechtigkeit spricht, darf vom Neoliberalismus nicht schweigen.

Melanie Stitz


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