Winter 4/2005
Genf, 17. Oktober 2005:
Square de Plainpalais. Auf dem zentralen Platz nahe der Universität versammeln sich rund hundert Frauen, singen das Lied des Weltfrauenmarsches, enthüllen eine Skulptur und fordern von der Kantonsregierung die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Migrantinnen ohne Papiere, genügend Krippenplätze, eine wirksame Gleichstellungspolitik an der Universität, Elternurlaub für Mütter und Väter sowie Aktionen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.
In Bern sind es 50 Frauen, die mit roten Luftballons und großen roten Papphänden für eine andere Welt ohne Armut und Gewalt demonstrieren. In Basel und Friburg gibt es ebenfalls Aktionen– dort eine Kürbissuppe und Musik.
Der 17. Oktober bildet den Höhepunkt der Aktivitäten des Weltfrauenmarschs 2005. Wie in der Schweiz wurden die 24 Stunden der Solidarität in aller Welt mit phantasievollen Aktionen begangen.
Weltweit, 17. Oktober:
Am 8. März lancierten 30.000 Frauen den Weltfrauenmarsch in Brasilien, mit der Frauencharta für die Menschheit und mit einer Patchworkdecke der Solidarität, auf der Frauen der jeweiligen Länder ihre Utopie einer anderen Welt gestickt haben.
Die Charta (vgl. wf 2/05) war im letzten Jahr mit einem Appell verabschiedet worden, die Welt auf der Grundlage der Werte von Gleichheit, Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Frieden zu verändern. Die Charta, so die ägyptische Feministin Nawal El Saadawi, „bietet den Frauen einen neuen Humanismus, eine neue Identität.“
Die Charta ging in den letzten sieben Monaten rund um die Welt, durch 53 Länder, und wurde symbolisch folgenden Bewegungen übergeben: den Frauen in Schwarz (Frieden), den Landarbeiterinnen der internationalen Bauernbewegung Via Campesina (Solidarität), den Großmüttern in Weiß des Plaza de Mayo in Argentinien (Gerechtigkeit), der Ägypterin Nawal El Sadaawi (Gleichheit) und der birmanischen Freiheitskämpferin Aung San Suu Kyi, (Freiheit).
In La Quiaca auf 3.500 Meter Höhe trafen sich beispielsweise die Frauen an der Grenze von Argentinien zu Bolivien. Es gab Aktionen u.a. in Argentinien (Straßenblockade), Kolumbien, Mexiko, Peru, Bolivien, Ecuador und Brasilien (Tänze) und in Kanada. In Japan forderten Frauen den Rückzug japanischer Truppen aus Irak, in Australien gab es verlängerte Mittagspausen in Fabriken und Büros, auf den pazifischen Inseln Diskussionsrunden. In Indien, den Philippinnen und Pakistan wurde gegen Hunger und Niedriglöhne demonstriert. In Dhaka/Bangladesch waren es 500 Frauen. In Dschibuti demonstrierten 150 Frauen u.a. gegen Genitalverstümmelungen, in Kenia gegen Gewalt. Aktionen gab es auch in Mali, Südafrika, Angola und Marokko.
Die Abschlusskundgebung des Weltfrauenmarsches 2005 fand in Afrika statt: In Ouagadougou/ Burkina Faso benannten die Teilnehmerinnen einen Platz um in ‚Platz der Frauen für den Frieden’.
In der Türkei - Ankara, Istanbul, Izmir, Diyarbakir - demonstrierten Hunderte von Frauen. In Griechenland gab es Aktionen gegen Arbeitslosigkeit und Flexibilisierung, in Italien Filmtage und Diskussionen über ungeschützte Arbeitsverhältnisse, in Belgien Besetzungen und Märsche (7.000 Frauen in Lüttich). Am Marseiller Hafen demonstrierten 150 Frauen.
In Mar de Plata /Argentinien wurde am 1. November Bilanz gezogen, der Weltfrauenmarsch als wichtige Oppositionsbewegung gegen die neoliberale kapitalistische Hegemonie bezeichnet.
Und Deutschland? Wenn sich vor fünf Jahren ca. 35 Organisationen am Weltfrauenmarsch interessiert zeigten, so gibt es bis heute keine nationale Koordinierung. Am 17. Oktober wurde nur am Rand einzelner Montagsdemonstrationen an den Weltfrauenmarsch erinnert.
Keine Diskussionen, keine Aktionen, keine Berichterstattung über die weltweiten Aktivitäten in den Medien. Traurig!
fh
Weiter Infos: www.marchemondiale.org/fr/
In Usbekistan ist die Menschenrechtsaktivistin Elena Urlaewa am 21. Oktober in einer Krankenheilanstalt in Taschkent unter Psychopharmaka gesetzt worden. "Die Methode, Regimekritiker in die Psychiatrie zu sperren, erinnert mich an die Sowjetunion", kommentiert die Human Rights Watch Vertreterin Gil Allison in Taschkent. Urlaewa sei zwar ansprechbar, fühle sich aber sehr erschöpft, berichtet Allison nach dem Besuch in der Krankenheilanstalt in der usbekischen Hauptstadt. Die EU-Präsidentschaft forderte noch am 19. Oktober Usbekistan vergeblich auf, die Behandlung Urlaewas mit Psychopharmaka auszusetzen. Am 28. August wurde Urlaewa wegen ihrer oppositionellen Aktivitäten zwangsweise in das Krankenhaus eingeliefert, welches sie nicht verlassen kann. Seit Jahren versucht der usbekischen Staat die Aktivistin, die sich an Demonstrationen gegen den usbekischen Präsidenten Islam Karimow beteiligt hat, als geistesgestört zu erklären. Unabhängige Kommissionen aus Russland und Usbekistan hatten Urlaewa stets für gesund befunden. (TAZ, 24.10.2005, Marcus Bensmann)
Nach obenGeburtstag
Edith Sitwell (1887-1964) englische Schriftstellerin