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Winter 4/2005

Frauenprojekte in Kurdistan

Der Wunsch der Frauen nach Bildung und Selbständigkeit

Eindrücke einer Frauendelegation aus Hamburg und Bremen in den Nordosten der Türkei in die kurdischen Städte Diyarbakir, Van und Hakkari im August 2005.

Die Situation der Frauen ist unser Anliegen: von Flüchtlingsfrauen, deren Dörfer durch das türkische Militär zerstört wurden und von Frauenstrukturen, die im Aufbau sind.

Die Delegation hat eine Fotoausstellung mit den Titel "Die Stimmen der kurdischen Frauen - Frauen im Aufbruch"  erstellt. Welche die Ausstellung gerne in ihre Stadt holen möchte oder Interesse an Veranstaltungen hat, wende sich an Annett Bender über isku@nadir.org oder an ISKU - Informationsstelle Kurdistan e.V., Schanzenstr.117 in 20357 Hamburg. Weitere Infos unter www.nadir.org/isku.

Diyarbakir verfügt über ein solidarisches Netz von sowohl unabhängigen als auch durch die Stadtverwaltung geförderten Frauenprojekten. Die Projekte ergänzen sich gegenseitig, räumlich und auch inhaltlich. Ziel ist die Verbesserung der Situation der Frauen, was für sie auch die der Gesamtgesellschaft bedeutet. Denn „wenn die Frau, der Kern der Familie, sich ändert, dann ändert sich auch die gesamte Gesellschaft“, so eine Vertreterin des Frauenprojektes Selis.

Die verschiedenen Frauenprojekte und Kommissionen haben sich zur „Frauenplattform Diyarbakir“ zusammengeschlossen: Als Bündnis arbeiteten sie zu Themen wie Prostitution und so genannten Ehrenmorden. „Ehrenmorde“ sieht eine Mitarbeiterin von Selis als ein spezifisches Problem der feudalen Gesellschaft, das mehrere Ebenen betrifft. So wurde in einer regionalen Umfrage von den Befragten „Ehre” mit „Frau” gleichgesetzt. Für den Umgang mit Ehrenmorden sei es notwendig, spezifische Programme jeweils entsprechend der sozialen Lage zu entwickeln. Ihre momentane Arbeit stellt die Erreichung des Friedens in den Vordergrund. Denn das Verhältnis des Staates zu den Organisationen ist nicht getrennt zu sehen vom Verhältnis des Staates zur kurdischen Frage. Auch für die Frauen, die die Projekte nutzen, stellt der Friedensprozess eine elementare Voraussetzung für die Verbesserung ihrer Lebensumstände dar.

Neben öffentlichen Wasch- und Brotbackplätzen als soziale Treffpunkte für Frauen sind die psychosoziale Beratungsstelle EPI DEM, die Weberei von Selis oder das „Kardelen Kadin Evi“ (Frauenhaus Schneeglöckchen) entstanden. Kardelen ist ein von der Stadtverwaltung gefördertes Projekt im Stadtviertel Baglar. Es ist ein offener Raum der Begegnung, Beratung und Bildung, um Frauen an der Basis anzusprechen. Die Frauen aus dem Viertel, die das Projekt nutzen, sind zwischen 15 und 70 Jahre alt. Ihnen wird die Möglichkeit gegeben, ihre Bedürfnisse zu entwickeln und zu erfüllen. Die Frauen äußerten zuvor in einer Umfrage den starken Wunsch nach Bildung und Möglichkeiten zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen und sozialen Situation. Deshalb richtete Kardelen Computerkurse mit anerkanntem Abschluss, Alphabetisierungs-, Musik- und Mathematikunterricht ein. Mit Unterstützung einer Kunstlehrerin werden Kunsthandwerke angefertigt. Die Produkte können als Nebenverdienst von den Frauen verkauft werden. „Kardelen Kadin Evi“ organisiert auch gemeinsame Ausflüge. In den letzten sechs Monaten seit Bestehen des Projektes, haben mehr als 500 Frauen die Angebote genutzt, 125 Frauen wendeten sich an die psychologische, rechtliche und gesundheitliche Beratung.

Landesweit sind die Frauenorganisationen in der 2003 gegründeten „Demokratischen Freien Frauenbewegung“ (DÖKH) organisiert. Sie haben sich zum Ziel gesetzt, eine weit reichende Frauenstruktur auszubauen. Bildung, ökonomische Unabhängigkeit und die Stärkung des Selbstbewusstseins der Frauen sind die Ziele. Die Städte, in denen die prokurdische Partei DEHAP die Bürgermeisterinnen stellt, sollen als Pilotstädte dienen. (Auf die ganze Türkei bezogen sind 18 von 3.316 BürgermeisterInnen Frauen. Von diesen 18 Bürgermeisterinnen werden 9 von der DEHAP gestellt. Die DEHAP hat eine Frauenquote von 40%.) So sollen neben Frauenräten Frauengesundheitszentren, Frauenkooperativen und Frauenmärkte aufgebaut werden.

Die Anfänge sind gemacht. Wir hoffen, dass der Friedens- und Demokratisierungsprozess in der Türkei die Oberhand gewinnt und nicht der Vernichtungswille des türkischen Militärs. Den Frauen in Kurdistan wünschen wir weiter Kraft für die Verwirklichung ihrer Ziele.

Annett Bender, Nathali Winkler


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