Winter 4/2005
Ein eisiger Wind bläst über den arktischen Fjäll. Es ist kalt frühmorgens im Monat September auf den runden verschneiten Bergen des schwedischen „Lapplands“. Zwei Hubschrauber fliegen hin und her, bringen Rentierzüchter/innen auf den Gipfel und entladen gerade getötete Rentiere in Nikkaluokta, in der Ebene.
Literatur:
Sigrid Damm, Tage- und Nächtebücher aus Lappland. Bilder von Hamster Damm, Insel-Verlag Frankfurt/M. und Leipzig Sonderausgabe 2004, € 18
Ein sehr schönes, nachdenklich machendes Buch.
Maj Lis, eingehüllt in warmen Hosen, einer Wolljacke und einer selbstgenähten Rennpelzmütze, kniet auf einem Kalbsfell über dem gefrorenen Boden, wirft Birkenscheite ins Feuer, auf dem eine alte rußgeschwärzte Kanne summt. Sie gießt Kaffee in die Tassen, traditionsgemäß auf ein Stück Käse, verteilt getrockneten Rennschinken und Kuchen mit Kardamon in die Runde, an die Verwandten und Freunde, die um das Feuer versammelt sind. Kaum ein paar Meter davon entfernt laufen rund 6.000 Rentiere im Kreise, gegen den Uhrzeigersinn – ein Reigen, der mehrere Stunden dauern wird. Die Hufe trommeln auf dem harten Boden, die Geweihe klappern, die Kälber, die ihre Mütter verloren haben, meckern – ein dumpfes lautes Grunzen und Röhren erfüllt die unendliche Landschaft wie der Tiergeruch die geladene Luft. Während des langen Wartens herrschen Ruhe und Aufregung zugleich.
Wie jedes Jahr vor der Brunstzeit werden die miesse - die Kälber, die während der Schneeschmelze im Mai geboren sind - mit dem Lasso eingefangen und markiert. Wie jeder Rentierzüchter hat Maj Lis für ihre Rentiere eine eigene Markierung, eine in das Ohr eingeschnittene Kerbe – es gibt rund 300 verschiedene Muster. Die vom Sommergrasen fetten und schlachtreifen Rentiere werden ins Gehege getrieben, rennen den waldigen Abhang hinunter, überqueren schwimmend den Fluss und werden in LKWs unten in Nikkaluokta zum Schlachthof transportiert – einem Weiher mit rund zwanzig Einwohnern. Die anderen Rentiere, die Weibchen und Kälber kehren in die Freiheit zurück.
Geschichtliches:
Daten:
Die Künstlerin und Autorin Maj Lis Skaltje, ein bisschen Nomadin in der Seele, geht jeden Sommer zu den Rentieren und zeltet einige Wochen in ihrem goathe, einer bescheidenen Hütte im Kebnekaise-Gebirge. Sie lebt und arbeitet in Mellanbyn – ein paar zerstreute Häuser nahe dem Städtchen Puoltsa auf dem Wege zum Kebnekaise, dem höchsten Berg Schwedens (2.123 Meter). Mit Per Nikolaus Blind, ihrem langjährigen Gefährten – ebenfalls Rentierzüchter und zudem leidenschaftlichem Bären- und Wolf-Jäger -, und ihren zwei treuen Rennvalla Hunden, bewohnt sie ein rot-braun angestrichenes Holzhaus hinter einem Birkenhain – eine Kate benutzt sie als Atelier.
Bei einem improvisierten Mittagessen – natürlich mit Rentierragout, Pfifferlingen und Preiselbeeren, und mit hjorton als Nachtisch, die orangen Multebeeren, auch das Gold des Nordens genannt – erzählt Maj Lis von der Diskriminierung des Samisch, einer Minderheitssprache, die zur finnisch-ugrischen Gruppe gehört. Als Kind konnte sie ihre Muttersprache weder lesen noch schreiben. Ihr ABC waren die Namen der Berge, der Flüsse, der Täler und der Wege, eine Art geographische Landkarte, die die Kommunikation erlaubte. In den 50er Jahren zwang aber das schwedische Gesetz die Kinder zur Nomaden-Schule – die Samen sollten assimiliert werden. Maj Lis wurde von ihrer Familie getrennt und in ein Internat schwedischer Sprache gesteckt, es war verboten samisch zu sprechen. „Das waren schreckliche Jahre für mich“, erinnert sich die Künstlerin. Sie litt darunter, Analphabetin in ihrer eigenen, reichen Sprache zu sein – es gibt an die dreihundert Wörter, um die verschiedenen Schneearten zu beschreiben, rund vierhundert Begriffe, um von den Rentieren zu sprechen und zwanzig Ausdrücke für das Feuer. Maj Lis: „Mein Onkel erzählte von den unterschiedlichen Sommer- und Winterfeuern, vom warmen und vom kalten Feuer, mit oder ohne Rauch, das schnell oder langsam brennt, von dem Feuer, das Botschaften sendet“. Dafür kannten die Sami kein Wort für Krieg oder Feind, so wird erzählt. Ein samischer Begriff wurde übrigens in der ganzen Welt verwendet: die Tundra, diese unendliche, mit Moosen und Flechten, Zwergbäumen und Gräsern bewachsene Landschaft. Die Samin lernte ihre eigene Sprache erst mit 30 Jahren an der Universität Oslo – es bedurfte mancher Auseinandersetzungen bis Samisch in Schweden unterrichtet und gelehrt wurde. Die samische Kultur und Sprache erlebten in den 70er Jahren einen Aufschwung - . Mari Boine, die samisch-norwegische Sängerin rief dazu auf, auf die Stimmen der Urahnen zu horchen, und mahnte: „Hast Du Deine Herkunft vergessen?“
Maj Lis zeigt sich optimistisch: „Die Sprache lebt so lang wie ein Mensch, und solange es Samen gibt...“
Maj Lis Skaltje widmet sich heute der Rehabilitierung ihrer Sprache und ihrer Kultur. 25 Jahre lang war sie verantwortlich für den schwedischen Rundfunk in samischer Sprache in Kiruna – sie war die erste, die Rundfunksendungen in samischer Sprache machte. In Luondu juoiggaha, einem Buch über Joik, beschreibt sie diese Art Singsang als literarischer Ausdruck der Kunst und des samischen Lieds, das die Natur besingt. Joik – wie die Trommeln der Schamanen dieses ursprünglich naturreligiösen Volks - wurden von den Missionaren damals mit Heidentum und Sünde gleichgesetzt und unter Strafe gesellt. Die Christianisierung ging mit der Kolonisierung und der Hexenverfolgung einher. Für Maj Lis bietet dies Joik-Musik „eine Art der Kommunikation“ an, die „die gesprochene Sprache nicht vermag.“
Die Künstlerin verbindet die samische Identität mit einem westlichen Konzept von Kunst: „Ich will das restaurieren, was beschädigt wurde“. Sie fertigt genauso wunderschöne Kleider aus Rentierleder an wie sie Aquarellen malt und Bilder aus Fellen und Blättern zusammenstellt. Für uns zieht sie das traditionelle Kostüm an, rot wie der Sommer, blau wie der Winter – das sind auch die Farben der 1986 geschaffenen Samischen Flagge, die um grün für den Frühling und gelb für den Herbst erweitert wurden – ein Kreis symbolisiert die Sonne (rot) und den Mond (blau), der ganze Kreis steht für die Schamanentrommel. Ein Zeichen für eine neue Identität nach einer Vergangenheit der Diskriminierungen?
Florence Hervé
Geburtstag
Margherita von Brentano (1922-1995) deutsche Philosophin