Winter 4/2005
In unserem Land werden zu wenig Kinder geboren, darin scheinen sich alle einig zu sein. Die Politik rätselt, woran das liegen mag, die schlechten Berufschancen für Frauen nach der Geburt eines oder gar mehrerer Kinder werden als eine der Ursachen aufgeführt. Es ist ja auch in unseren modernen Zeiten nicht einsehbar, warum hochqualifizierte Frauen in den besten Jahren ihre Karriere beenden sollen, um fortan zu stillen, die Waschmaschine zu füllen, Rezepte zu sammeln und die Fenster zu putzen.
Nicht nur im vergangenen Wahlkampf konnte man schön beobachten, wie sich die Parteien gegenseitig überboten haben mit familienfreundlichen Konzepten, der Optimierung des Kinderbetreuungsangebotes und nicht zuletzt den mühsamen Anreizen für Männer, doch auch mal eine Pause einzulegen für die Erziehung des Nachwuchses. Gelegentliche Ausrutscher wie der von Paul Kirchhof, Frauen würden in der Familie Karriere machen, werden eilig vertuscht – das wäre ja auch zu peinlich, wenn tatsächlich noch jemand so etwas behaupten würde, das war sicher nur falsch zitiert.
Das ist aber alles beim Stuttgarter Finanzamt nicht angekommen. Dort schwelgt man in den guten alten Zeiten, als die Männer noch Brötchen jagen gingen, während die Frauen brav zu Hause die Windeln wechseln und die Hemden bügeln. Wie sonst soll der Steuerbescheid zu verstehen sein, in dem es zur Ablehnung des Sprachkurses wörtlich heißt: „Die beruflichen Gründe stellen sich ebenfalls in Frage, da Sie zum Zeitpunkt des Unterrichts (23.9.04-29.7.05) bereits schwanger waren bzw. Ihr Kind hatten.“ Ach so.
Annette Aulke
P.S. Falls Sie noch einen Job für eine junge Mutter frei haben, würde ich mich sehr freuen. Ich bin 34 Jahre alt, habe Sozialarbeit und Kulturmanagement studiert, habe 10 Jahre Berufserfahrung als Kulturmanagerin, davon die letzten 3 Jahre als Geschäftsführerin eines Betriebes mit 80 Mitarbeitern. Ich verfüge über einen dicken Stapel Empfehlungsschreiben, Zertifikate und Qualifikationen, habe Artikel über Kulturpolitik veröffentlicht und ein Buch herausgegeben über die Zukunft der Stadt. Seit einem Jahr lebe ich bei meinem Mann in Stuttgart, wo ich unsere Tochter erziehe und einen neuen Job suche. So, und jetzt muß ich stillen.
Geburtstag
Margherita von Brentano (1922-1995) deutsche Philosophin