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Winter 4/2005

25 Jahre "WIR FRAUEN" - 2. Teil

Wir haben im vergangenen Jahr viele neue LeserInnen gewinnen können, die die Geschichte der WIR FRAUEN nicht kennen, deshalb haben wir uns entschlossen, die WIR FRAUEN in der letzten und in dieser Ausgabe vorzustellen:

Die 90er Jahre: Backlash und Wende

In der Welt und in Deutschland ist es kälter geworden, die sozialistischen Länder brechen zusammen, im November 1989 fällt die Berliner Mauer und mit ihr bald die DDR. Die Zeit der kleinen Reformen und der großen Bewegungen ist zunächst vorbei. Die Gestaltungsmöglichkeiten von Spielräumen sind enger geworden. Manche Frauen ziehen sich aus Politik und Bewegung zurück. Die noch stattfindenden Aktionen erhalten zunehmend den Charakter von Abwehrkämpfen. Viele Frauenprojekte kämpfen nun ums Überleben, Frauenzusammenhänge zerbrechen, so auch die DFI-Strukturen: Auf einer der letzten Sitzungen der bundesweiten Koordinierungsstelle wird beschlossen, die DFI-Bundesgeschäftsstelle aufzulösen (einzelne DFI-Gruppen bestehen bis heute) und sich auf Zeitschrift und Kalender zu konzentrieren. Beide Projekte entwickeln sich in veränderter Form weiter – der Kalender in einem neuen Verlag und mit verstärkter Besetzung.

Die Zeitschrift stand 1990 kurz vor dem Aus – ihr Verlag mit den günstigen Druckkonditionen war in Konkurs gegangen. Nächte des Bangens, Tage der Diskussion. Dann die Entscheidung: Augen zu und durch – so schnell kriegt uns keiner klein. Dabei lag die Überzeugung zugrunde, so die Redaktionsfrauen in der Ausgabe 1/1990: „Wir brauchen eine radikal-kritische Frauenzeitschrift, welche den gesamten Lebenszusammenhang thematisiert, sexistische Diskriminierungen und antidemokratische Entwicklungen anprangert. Eine Zeitschrift, die Frauen dazu ermuntert, ihre eigenen Interessen und Rechte wahrzunehmen und die Alternativen möglichst aufzeigt. Eine Zeitschrift, die Spaß macht und ‚mit List die Wahrheit schreibt’ und verbreitet, wie es die Pionierinnen der Frauenpresse vor 200 Jahren sagten und versuchten. Und eine Zeitschrift, die neben allen regionalen Meldungen und Berichten aus Stadt und Land nie den internationalen Weitblick und Bezug verliert, die über die bundesdeutsche Frauenszene hinweg die Probleme der Dritte-Welt-Frauen kennt und Frieden nicht nur für den heimischen Kirchturm fordert.“

Die Zeitschrift weiter herauszugeben bedeutete zunächst: statt 6 Ausgaben nur noch vier im Jahr, statt 2 DM nun 4 DM pro Heft. Der Zuspruch der Abonnentinnen sprach sehr dafür, die finanzielle Basis eigentlich dagegen. Ein Förderverein wurde gegründet. Verantwortliche Redakteurin blieb Florence Hervé, ein Redaktionsbeirat stand ihr tatkräftig zur Seite: darunter Renate Wurms und Antje Olivier. Manche gingen, andere kamen hinzu wie Ingeborg Nödinger, die mitverantwortliche Redakteurin wurde, Dodo von Randenborgh, Marion Gaidusch und Birgit Unger. Einige mehr wie Karin Bergdoll, Lissi Klaus und Hildegard Nickel unterstützten das Projekt.

Und es klappte tatsächlich: Ab 1992 kam die WIR FRAUEN mit der Unterzeile „das feministische Blatt“ heraus. In den neunziger Jahren hielt sie den Kopf hoch und überlebte. Manch eine, so Stefanie Berg in ihrer Rede zum 20jährigen Geburtstag der Zeitschrift, hätte WIR FRAUEN sonst sehr vermisst. Es war die Zeit von Backlash und erstem Golfkrieg, eine Zeit, da rechtsradikale Übergriffe auf ausländische BürgerInnen zunahmen, als Schleswig-Holstein mit Heide Simonis die erste und bisher einzige Ministerpräsidentin eines Bundeslandes bekam, der Krieg in Jugoslawien begann und Vergewaltigung in der Ehe strafbar wurde.

Heute: Krisen meistern

Natürlich gab es und gibt es auch weiter kleine und große Krisen. Mitte der 90er zum Beispiel war einfach die Luft raus – die Redaktion brauchte „frisches Blut“. Die „Jungen“ kamen: Elke Boumans-Ray, Mithu M. Sanyal, Sabine Schwabe, Gabriele Bischoff, später auch Melanie Stitz, Mechthilde Vahsen, Doris Heeger, Sonja Vieten und Sonja Klümper, ganz neu: Uschi Siemens und Cristina Fischer. Sie kamen mit neuen Ideen, frischen Diskussionen und anderen Sichtweisen.

Auch heute laden die in verschiedenen Netzwerken aktiven Redakteurinnen gezielt Frauen aus ihrem jeweiligen Umfeld ein, Beiträge zu schreiben. Außerdem nehmen Frauen von sich aus Kontakt mit der Redaktion auf, zum Beispiel weil sie „heimatlos“ geworden sind: Ihr Frauenprojekt ist in Auflösung, sie verlassen die Hochschule und lösen sich aus den dortigen Zusammenhängen oder sie sind in die Region gezogen. Dass sie dazukommen und in den allermeisten Fällen dabei bleiben, liegt vor allem an der inhaltlichen Ausrichtung der WIR FRAUEN, wie auch an der offenen Struktur des Projekts.

In der Praxis sieht das so aus: Die Vorstellungsrunde beim ersten Treffen könnte kürzer kaum sein. Jede nennt ihren Namen und erzählt in ein paar Sätzen, wie lange und aus welchen Gründen sie bei der WIR FRAUEN mitarbeitet, worüber sie gerne schreibt oder für welche Aufgabe sie verantwortlich ist. Für mehr bleibt keine Zeit, denn schon geht es in die Planung der nächsten Ausgabe. Die „Neuen“ werden meist schon beim ersten Treffen eingeladen, zu einem Thema, das sie interessiert, einen Beitrag zu schreiben und erhalten -auf Wunsch- jede Unterstützung, von Infos recherchieren bis zum Gegenlesen. Von Anfang an stehen sie als Redakteurin mit im Impressum. Mitunter enthüllt sich erst im Laufe der nächsten Treffen, was die einzelnen Frauen sonst noch alles so „treiben“. In der Redaktion wird durchaus engagiert über einzelne Beiträge gestritten – nicht jedoch um Grundsatzfragen oder politische Biographien.

Außerdem für viele Frauen attraktiv: Jede hat die Möglichkeit, das Ausmaß ihres Engagements zu regulieren. Es gibt keinen moralischen Druck und braucht keine Rechtfertigung, wenn eine eine Auszeit nimmt. Jede weiß selbst, was es heißt, neben Job und/ oder Familienarbeit ehrenamtlich tätig zu sein. Jede weiß auch, dass so ein Projekt nur funktionieren kann, wenn sie nur zusagt, was sie auch zuverlässig leisten kann. Wenn eine noch so wünschenswerte, wichtige, sinnvolle Maßnahme nicht realisiert werden kann, dann ist das so. Die Redaktion tut das, was möglich ist und lange noch nicht das, was nötig wäre. Ein Grund, warum WIR FRAUEN auch noch immer eine keine Homepage hat.

Auch unterschiedliche Arbeitsweisen werden respektiert. Die einen suchen den direkten, persönlichen Kontakt, andere engagieren sich stärker per Email in den Debatten. Offenheit, Vertrauensvorschuss und Pragmatismus sowie die Wertschätzung jeden Beitrags zum Projekt haben sich bewährt.

Dabei passen sich die Arbeitsformen des Projektes den Realitäten an: Aussagekräftige Protokolle, in denen Entscheidungen auch ausführlich begründet werden, sind zwar aufwändig, werden aber immer wichtiger, um möglichst alle einzubinden. Neu und ganz im Trend von „Open Space“ - Methoden: Hat eine weitergehenden Diskussionsbedarf, dann lädt sie zu sich nach Hause ein.

In den vergangenen Jahren schwebte das Damoklesschwert von sinkenden Abo-Zahlen und mangelnden bezahlten Anzeigen über der Redaktion: Das drohende Aus läuft stets nebenher. Viele Frauenprojekte, die auf unbezahltem Engagement fußen und nicht institutionell verankert sind, können ein Lied davon singen. Dann fordert noch der Alltag seinen Preis und will „gemanagt“ werden.

Dennoch: WIR FRAUEN macht vorerst weiter, weil die Kraft noch reicht, weil Leserinnen schreiben: „Gut, dass es Euch noch gibt!“ und „Das hab´ ich vorher nicht gewusst!“, weil für die Redakteurinnen jede neue Ausgabe noch immer ihre beste, ihre schönste ist und weil mehr als 20 Jahre Tradition verpflichten. Sie sind der Überzeugung, dass Frauen damals wie heute kritischen Lesestoff schreiben und vor allem auch lesen wollen.

Die Zeitschrift profitiert von der Vielfalt ihrer Macherinnen.

Die Redakteurinnen sind zwischen 30 und 60 Jahre, lieben Frauen, lieben Männer, leben alleine und in Wohngemeinschaften, haben Kinder, die sie gemeinsam und alleine großziehen, arbeiten im sozialen Bereich und in Ämtern, als Unternehmerinnen und Journalistinnen, an Hochschulen, in Kanzleien und Versicherungen, schreiben Bücher, malen Bilder und besteigen Berge. Sie kommen aus den sozialistischen, gewerkschaftlichen, antifaschistischen und internationalen Solidaritätsbewegungen sowie aus der Neuen Frauen- und Lesbenbewegung und der § 218-Bewegung. Sie sind atheistisch und gläubig, international und jeweils gut vernetzt mit anderen Initiativen und Bewegungen.

Die Themen in WIR FRAUEN heute: Ausbeutungsverhältnisse und imperialistische Kriege. Rassismen und Sexismen. Die neoliberale Globalisierung und die Verschwendung ökologischer Ressourcen. Die gnadenlose Vermarktung unserer Wünsche und Bedürfnisse. Männergewalt. Ein zunehmend menschenverachtender öffentlicher Diskurs - und entsprechende Praktiken- gegenüber Frauen (RTL & Co zeigen sie in zahlreichen Sendeformaten fast ausschließlich als „dummes Fleisch“), gegenüber ökonomisch Benachteiligten (in Zeiten von Hartz IV), gegenüber Flüchtlingen (Schily spricht zynisch von „Begrüßungszentren“ in Nordafrika). Aber auch Kultur und Literaturrezensionen sowie Vorstellungen von Frauenprojekten.

WIR FRAUEN stellt immer noch dieselben Fragen: Wer profitiert von den Verhältnissen? Wer schafft die Verhältnisse? Wer zahlt den Preis? Wie leisten Frauen Widerstand, hier und andernorts? Wo und wie realisieren sie ihre Ideen und Lebensentwürfe, ihre Rechte auf Selbstbestimmung und Teilhabe? Wo partizipieren sie an den Verhältnissen?

Welche Frauen und Projekte gilt es vorzustellen, an welche gilt es beharrlich zu erinnern? Deshalb verfolgt WIR FRAUEN seit langem schon das Schicksal der kurdischen Abgeordneten Leyla Zana, die zehn Jahre im Gefängnis saß, sowie die frauen- und friedenspolitische Arbeit von Sumaya Farhat-Naser im besetzten Palästina. Die in Birseit bei Jerusalem aufgewachsene und in Hamburg promovierte Palästinenserin, Autorin mehrerer Bücher („Thymian und Steine“ 1995), war jahrelang Leiterin des Jerusalem Center for Women, wo israelische und palästinensische Frauen zusammen für eine Versöhnung eintraten und wurde u.a. mit der Hermann-Kesten-Medaille des P.E.N.-Zentrums ausgezeichnet.

Die Verantwortlichkeit ist mittlerweile - ohne Generationenkonflikt - auf die „Jüngeren“ übergegangen: Gabriele Bischoff und Melanie Stitz sind nun die verantwortlichen Redakteurinnen. Für die Zukunft hat sich die Redaktion viel vorgenommen. WIR FRAUEN soll mehr sein als feministisches Zeitungsprojekt. Noch häufiger wollen wir Veranstaltungen organisieren und noch häufiger präsent sein bei überregionalen Treffen frauen- und friedensbewegter Engagierter. Wir arbeiten an einer eigenen Website. Vor allem mit Frauenprojekten aus dem Osten der Republik wollen wir uns noch stärker vernetzen und auch junge Frauen für unsere Sache gewinnen: als Leserinnen und als Redakteurinnen.

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Geburtstag

WIR FRAUEN - Das feministische Blatt im Internet

4. Februar

Betty Friedan (1921) US-amerikanische Feministin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin

Florence Hervé liest: Frauen und Berge