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Winter 4/2005

Entlarvende Kommentare

Unterhaltsam war er allemal, der letzte Wahlkampf. Nach amerikanischem Vorbild trafen die Kontrahentin und der Kontrahent aufeinander und argumentierten im Wettlauf gegen die Sanduhr. In zahllosen Talk-Runden fiel man einander ins Wort und bezichtigte sich Zig-Mal der Lüge.

Noch mehr Raum nahmen die Sendungen ein, in denen Fachleute und wer sonst noch gerade nichts zu tun hatte, über jene TV-Duelle „reflektierten“. Wer erwies sich als „schlagfertiger“ ohne jedoch dabei zu „entgleisen“? Wer schnitt wie häufig Grimassen, wer hatte die professionellere Körpersprache oder versteckte die „Gefühlshand“ im Jackett? Wer tauschte in den Drehpausen mit wem die Krawatte und – man mag es kaum noch erwähnen ohne zu gähnen – hat der Friseur von Frau Merkel nun ganze Arbeit geleistet oder nicht?

Und mittendrin, am 6.9.2005, ein besonderer Leckerbissen.

Bei Maischberger zu Gast waren Jutta Ditfurth, Nina Hagen, Hanna-Renate Laurien für die CDU, die Journalistin und SPD-Unterstützerin Wibke Bruhns sowie die Buchautorin und Mutter von zehn Kindern Martine Liminski. Sie sollten diskutieren über die Frage: "Angela die Erste - Was bringt's den Frauen?".

Schon nach kurzer Zeit flogen die Fetzen.

Hagen, als Fürsprecherin der Grünen, begründete ihre Wahl: "Mit Merkel will der Staat Kriege machen, ohne Merkel nicht." Ditfurth: "In Jugoslawien 1999 war Frau Merkel? Das wusste ich gar nicht!" Hagen: "Wie? Wir sind in den Krieg gezogen - meine Soldaten?" Ditfurth: "Da warst du wohl im Ashram." Hagen: "Das find' ich gemein. Ich find das ganz unmenschlich, was du jetzt sagst." Ditfurth: "Ich wage es, dich zu kritisieren. Ich habe deine Texte gelesen, halte dich für esoterisch ein bisschen durchgeknallt." Hagen: "Du kennst mich doch überhaupt nicht! Wie kannst du dich über mich äußern? Über meine Religion und Philosophie? Das ist ein Armutszeugnis!" Ditfurth: "Du hast auch Außerirdische getroffen und Ufos gesehen." Nina Hagen wollte daraufhin das Studio verlassen und schimpfte nur noch über „die dicke Frau“ und „blöde Kuh“.

Die Sendung hatte eine außergewöhnlich hohe Quote von 1,23 Millionen ZuschauerInnen (12,5 %) und schlug damit Johannes B. Kerner, bei dem Alice Schwarzer, Jürges (Stern), di Lorenzo (Zeit) und Markwort (Focus) etwa zur gleichen Zeit debattierten.

Eigentlich, so erklärte uns Jutta Ditfurth auf Nachfrage, sollte es eine ganz „seriöse“ Runde werden zu den Themen Frauenpolitik und „Haben die 68er das Land kaputt gemacht?“.

Die Besetzung sollte die Hauptströmungen in der Parteienlandschaft repräsentieren, Jutta Ditfurth die Frauenbewegung der 70er, die Linke und die Ungültig-Wählerinnen.

Eingeladen waren Hiltrud Schröder und Annemarie Renger, die beide aber absagten.

Dass Nina Hagen dabei sein würde, erfuhr Jutta Ditfurth erst ein oder zwei Tage vor der Sendung.

Wen überrascht es? Sicher hätte man bei Ausfall eines Polit-Journalisten in einer renommierten Herrenrunde auch mal eben Gottlieb Wendehals dazugeladen.

Der von unnötigem Inhaltsballast befreite mediale Meta-Diskurs lief anschließend auf Hochtouren. Die Berichterstattung über das Ereignis war entlarvend. Kritikwürdige Aussagen hatte es zwar genug gegeben, seien es die Statements von Hagen oder von Liminski, welche „die Würde der Frau“ in der Mutterschaft verortete, immerhin aber einräumte, sie spreche nur für sich.

Selbst in der Jungen Welt wurden jedoch Nebensächlichkeiten wie das Alter der Talk-Show-Kontrahentinnen zum Gegenstand der Kritik: „Fünf mehr oder weniger gereifte Damen von durchgeknallt über sendungsbewusst bis senil wurden von der Leine gelassen.“ Vielfach Anstoß genommen wurde daran, dass Ditfurth einen Fächer benutzte, die FAZ empörte sich über ihre bloßen Füße.

Von „Stutenbissigkeit at its best“ (TAZ), „Zickenkrieg“ (Stern, Spiegel usw.) und „Keif-TV“ (Bild), von „Maischberger als Kindergärtnerin“ (Junge Welt) war die Rede.

Das Durcheinanderreden wurde bemängelt. Dabei verstießen wahrlich nicht nur die Teilnehmerinnen bei Maischberger gegen den neuen, bislang kaum hinterfragten Talk-Show-Knigge, der ein „ordentliches“ Diskussionsverhalten verlangt.

Die Regelverstöße bei Maischberger wurden jedoch bevorzugt mit Begriffen assoziiert wie „keifend“, „schreiend“ und „zänkisch“. Es fehlte noch das Adjektiv „hysterisch“ und die Reihung geschlechtstereotyper Zuschreibungen wäre komplett gewesen.

Johanna Adorján berichtete in der FAZ, sie habe irgendwann zu Kerner umgeschaltet, wo, Zitat: „Schwarzer zwischen lauter Medienmännern die Frauen respektvoll vertrat.“

Adorján bemängelte unter anderem die „unerträglich schrille Stimmlage“ von Hanna-Renate Laurien und sprach damit wohl all jenen Männern aus der Seele, die dank einer kürzlich veröffentlichten Studie der Uni Sheffield nun endlich eine biologistische Ausrede dafür erhalten haben, Frauen einfach nicht zuzuhören. Jene Studie „belegt“: Die facettenreiche Modulation der weiblichen Stimme überfordert und ermüdet das männliche Hirn. Dies sei der Grund, warum jenes nach etwa 20 Minuten den Zuhörmodus abschalte.

Aus der Reihe scherte Stephanie Göttmann in „Bunte“. Sie zitiert eine gelassene Ditfurth nach dem Talk und würdigt –bei aller Kritik an ihrem Auftritt- Hagen als immerhin erfrischend spontane und ehrliche Talk-Gästin. Schließlich sei es Hagen gewesen, die auch schon einmal live die Kunst der Masturbation demonstrierte, als sie sich in einer Talk-Runde langweilte.

Dennoch: die meisten JournalistInnen waren sich einig: Mit diesem Betragen hätten die Gäste bei Maischberger den Frauen keinen Gefallen getan: „Für Menschen, die Frauen nicht mögen, muss diese Sendung ein Fest gewesen sein“, so Adorján. Maischberger erhob noch während der Sendung den verbalen Zeigefinger: ob es nicht typisch für „uns Frauen“ sei, sich gegenseitig zu zerfleischen. Da haben „wir“ doch wieder einmal die Erwartung enttäuscht, um so vieles sozial-kompetenter im Umgang zu sein und über fundamentale inhaltliche Differenzen hinwegzukuscheln... Pfui aber auch!

In anderen Worten: eine tiefere Stimme, ein dunkler Anzug, ordentliches Schuhwerk, dazu etwas mehr gelassene Arroganz und autistisches Monologisieren – so wären die Frauen der Runde gleich viel gefälliger gewesen. An (selbstverständlich männlichen) Vorbildern hat es in jenen Tagen des Wahlkampfes doch nun wirklich nicht gemangelt!

Melanie Stitz


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