Winter 4/2005
B. Woolley: Byrons Tochter. Ada Lovelace – Die Poetin der Mathematik. Aufbau Berlin 2005. 9, 95 €.
Tochter von Lady Annabella Byron und Lord Byron, hoch begabt für die Wissenschaften, das verbindet sich mit dem Namen Ada Lovelace. Ihr Aufsatz über die sog. analytische Maschine von Babbage enthält das erste Beispiel für ein Computerprogramm, sie gilt als Vordenkerin auf diesem Gebiet. Die Biografie ist leider etwas konventionell geraten, so werden z.B. Frauen beim Vornamen genannt, Männer beim Nachnamen. Trotzdem lesenswert.
mv
v. Hardenberg, Irene: Künstlerinnen. Atelierbesuche in Moskau, Berlin, New York. Hildesheim: Gerstenberg 2005. Fotos von Reto Guntli. 216 S., durchg. farbig. 49,90 €.
Wieder ein wunderbarer und farbenprächtiger Bild- und Textband vom Gerstenberg Verlag. Diesmal werden Künstlerinnen vorgestellt: Marina Abramovic, Miriam Cahn, Vija Celmins, Cecilia Edefalk, Katharina Fritsch, Isa Genzken, Mona Hatoum, Christine und Irene Hohenbüchler, Brigitte Kowanz, Antje Majewski, Julie Mehretu, Sarah Morris, Maria Pogorjelskaya, Paula Rego, Aidan Salakhova, Jenny Saville, Jeanne Silverthorne und Jessica Stockholder. Ein Geschenk für sich selbst und für andere, zum Schmökern und Gucken, die Künstlerinnen werden mit ihren Arbeiten vorgestellt, es gibt eine Bibliografie und weitere Informationen. Sehr empfehlenswert.
mv
Amara, Fadela (mit Sylvia Zappi): Weder Huren noch Unterworfene. 120 S., Orlanda Frauenverlag, Berlin 2005. 14,50 €.
„Ni putes ni soumises!“ - „Weder Huren noch Unterworfene!“ So lautet der Schlachtruf einer Bewegung, die sich in Frankreich formiert. Junge Frauen und Mädchen aus den minderprivilegierten Großstadtghettos, in denen Gewalt und Kriminalität den Alltag der Menschen bestimmen, protestieren gegen die sexuelle, gesellschaftliche und persönliche Unterdrückung zahlreicher Migrantinnen muslimischen Glaubens. Als Töchter, Schwiegertöchter und Schwestern von den Männern zum Inbegriff der familiären Ehre erhoben, werden junge Frauen, die sich in ihrem Lebensstil, ihrer Kleidung oder in der Wahl ihrer Freunde den französischen Gewohnheiten anpassen wollen, unterdrückt, bedroht, vergewaltigt oder sogar ermordet. Das Buch analysiert auch vor dem Hintergrund stadtplanerischer Fehlleistungen und politischen Versagens den täglichen Spagat junger Musliminnen zwischen der Herkunfts- und der westlichen Kultur und zeigt, wie bitter nötig auch unser Land einen ausdrucksstarken öffentlichen „Ruck“ hätte.
SV
Heinz Deutschland (Hg.): "Ich kann nicht durch Morden mein Leben erhalten". Briefwechsel zwischen Käte und Hermann Duncker 1915 bis 1917. Pahl Rugenstein Verlag, Bonn 2005. 210 S., Abb., 19.90 €.
Käte Duncker (1871-1953) gehört neben Clara Zetkin zu den herausragenden Persönlichkeiten der deutschen sozialistischen Frauenbewegung, ist aber leider in Vergessenheit geraten. Der Historiker Heinz Deutschland hat jetzt ihren Briefwechsel mit ihrem Mann Hermann aus dem Ersten Weltkrieg veröffentlicht. Enthalten sind in der bemerkenswerten Dokumentation nicht nur Briefe Käte Dunckers, in denen sie ihr politisches Engagement in der SPD und im Spartakusbund sowie ihre Arbeit mit Frauen und Jugendlichen schildert, sondern auch ihre Reden und Schriften aus dieser Zeit, darunter "Leitsätze über die ökonomischen Ursachen des Krieges" von 1914. Deutlich werden zugleich die zermürbenden Belastungen der Frauen in Kriegszeiten.
CF
medica mondiale e.V. (Hg.): Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen, Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern, Mabuse-Verlag, Frankfurt a. M. 2004
In acht Kapiteln stellen Fachfrauen sehr kenntnisreich die Apekte dieses Arbeitsfeldes vor. Sie gehen sowohl auf Ursachen, Hintergründe, Folgen und das derzeitge Asylrecht ein als auch auf Behandlungssituationen. Sie erklären u.a. mögliche Reaktionen der Geflohenen, beschreiben die Bereiche in denen Retraumatisierung droht, Symptome, die auf sexualisierte Gewalterfahrung hindeuten. Auch Fachfrauen aus diesen Arbeitsfeldern werden zur Reflexion ihrer eigenen Reaktionen, Überforderungen, Gefühle aufgefordert, um sich für die Klientin wieder parteiisch einsetzen zu können und die eigene Gesundheit zu erhalten. Für Therapeutinnen, Beraterinnen, ÄrztInne sollte es Pflichtlektüre werden und Bestandteil von Ausbildungen sein. Medica mondiale e.V. gibt langjährige Erfahrung weiter, spürbar ist die genaue Reflexion und Weiterentwicklung der langjährigen Arbeit der beteiligten Berufsgruppen. Ein Serviceteil und eine Vorstellung der Autorinnen runden das Buch ab.
bou
Kelek, Necla: Die fremde Braut. Ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. 272 S., KiWi, Köln 2005. 18,90 €.
Es geht um die Unterdrückung der Frau in muslimischen Migrantenfamilien, um arrangierte und erzwungene Ehen mit „Importbräuten“ und um ein durch Familie und Gemeinschaft stark begrenztes Leben zwischen Wohnung, Moschee und Lebensmittelladen. Necla Kelek gehört zu den Migrantenkindern, die es geschafft haben. Sie hat in Deutschland studiert, promoviert und erforscht heute das „Innenleben“ ihres Herkunftsmilieus. Das Buch ist ein autobiographisch gefärbter Bericht über das Leben türkischer Frauen in Deutschland und räumt auf mit der „political correctness“ der Multi-Kulti-Anhänger. Kelek fordert eindringlich zur Auseinandersetzung mit dem wirklichen Status Quo der Integration türkischer Mitbürger in Deutschland auf und verlangt der Mehrheitsgesellschaft eine kritischere Haltung und ein konsequenteres Pochen auf die Grundsätze der deutschen Verfassung und die darin verankerten Menschenrechte ab. Vom Traum einer reibungslosen Integration und dem Willen dazu auf beiden Seiten muß man sich nach dieser Lektüre leider gründlich verabschieden.
SV
Irma Hildebrandt: Mutige Frauen. 30 Porträts aus fünf Jahrhunderten. Diederichs Verlag, München 2005. 9,95 €.
Frauen werden hier vorgestellt, die „die Mitwelt durch außergewöhnliche Taten, durch Zivilcourage und Wagemut“ überrascht haben. Bei manchen porträtierten Frauen: ob die Weltreisende Ida Pfeiffer, die Frauenrechtlerin Louise Otto-Peters, die Feministin Hedwig Dohm, die Sozialistin Clara Zetkin, die Komponistin Alma Mahler-Werfel oder die sozialdemokratische Widerstandskämpferin Johanna Kirchner, wir erfahren nichts Neues – da ist schon vieles erschienen in Frauenlexika und -Biografien. Interessant allerdings sind die Porträts von Frauen, über die noch nicht so viel geschrieben wurde, wie Hölderlins Diotima Susette Gontard, die Theaterprinzipalin Ida Ehre, die Theologin Dorothee Sölle oder die Schauspielerin Erika Pluhar.
fh
Frauen aus Deutschland in der französischen Résistance. Eine Dokumentation. Hg. von Ulla Plener. edition bodoni, Berlin 2005. 19,80 €.
Die Berliner Historikerin hat 83 Kurzbiografien von Widerstandskämpferinnen zusammengetragen und geschrieben, die sich u.a. in der Bewegung Freies Deutschland in Frankreich engagierten, darunter 23 ausführliche Porträts. Vorgestellt werden u.a. die Kommunistin Else Fugger, die 1942 in Paris „Deutsche Arbeit“ (Ziel: Deutsche in der Wehrmacht beeinflussen und faschistische Ideologie bekämpfen) leistete, verhaftet und nach Ravensbrück deportiert wurde, oder die Sozialdemokratin Johanna Kirchner, die gegen den Anschluss des Saarlands an das Nazi-Deutschland kämpfte, illegale Grenzarbeit organisierte, ausgebürgert und 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde. Die Historikerin hat Veröffentlichtes (z.B. Portraits von Düsseldorfer Antifaschistinnen aus einer Broschüre der Demokratischen Fraueninitiative) herausgekramt, in Archiven recherchiert und Interviews geführt. Mit ihrer Dokumentation widerlegt sie die Behauptung, in der Anti-Hitlerkoalition seien nur Männer engagiert gewesen.
fh
Helga M. Novak: wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgew. von M. Lentz, Schöffling & Co., Frankfurt/M. 2005, 19,90 €.
Die Schriftstellerin, die im September ihren 70. Geburtstag feierte, 1966 aus der DDR ausgebürgert wurde, in Island, Portugal, Jugoslawien u.a. lebte – heute in Polen (als sie 2004 in Leipzig eingebürgert werden wollte, erklärte man ihr, „eine erwerbslose Ausländerin“ sei hier nicht erwünscht), schreibt wunderbare Gedichte, „realistisch, autobiographisch, politisch, mythisch ... gewaltig ... rau ... spröde und zärtlich“ (M. Lentz). Unbedingt lesen, ob „Faustregel“ („friß/verkaufe/widersprich“) oder „Bekenntnis“ („ich bin ostdeutsch das zieht sich hin/wie der Rauch an erloschenen Dochten ... ich bin ostdeutsch und ziehe/einen Klumpen Hoffnung hinter mir her“).
fh
Beate Kortendiek/ A. Senganata Münst (Hrsg.): Lebenswerke. Porträts der Frauen- und Geschlechterforschung, Verlag Barbara Budrich, 24,90 €.
Das Buch stellt neun Frauen und einen Mann vor, die mit ihrer Arbeit Wesentliches zur Frauen- und Geschlechterforschung beigetragen haben. Es umfasst das 20. Jahrhundert und zeigt auf faszinierende Weise, wie in bestimmten historischen Situationen und unter konkreten Bedingungen Forderungen von Frauen z.B. nach Berufstätigkeit entstehen. Einzelne Frauen und Männer setzen diese Forderungen in die Realität um bzw. beschäftigen sich auf wissenschaftlicher Ebene mit den entstehenden Problemen. Das erste Porträt ist über Alice Salomon, Begründerin der Sozialarbeit als Beruf für Frauen. Die Folgen weiblicher Berufstätigkeit sind Thema der schwedischen Politikerin Alva Myrdal. Die Philosophin Simone de Beauvoir und die Historikerin Gerda Lerner reflektieren jeweils über das, was die Frauenbewegung an Fragen in die gesellschaftliche Öffentlichkeit trägt. Die Etablierung der Frauenbewegung in den Wissenschaften durch die Gender Studies, die Auffächerung der feministischen Theorien bis hin zur Männerforschung zeigen die Beiträge über SoziologInnen wie Helge Pross, Sigrid Metz-Göckel oder Robert W. Connell. Ein sehr persönliches Buch, das viele Informationen über die Geschichte der Frauenbewegung und Anregungen zum Nachdenken bietet.
US
Anna Opel: Guten Morgen, Du Müde. Berufstätige Mütter erzählen. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2005, 200 S., 9,90 €.
"Wer sein Kind über neun Stunden abgibt, der kann es auch gleich zur Adoption freigeben." Dies bekam Susanne P. von einer Frau zu hören, als sie mit dieser ein Gespräch über die gestiegenen Kosten für Ganztagsbetreuungsplätze anfing. Ein schriftliches Selbstporträt der aus Hannover stammenden Juristin findet sich in dem Band, in dem die Theaterwissenschaftlerin, Lektorin und Übersetzerin 23 berufstätige Mütter aus der BRD zu Wort kommen lässt. Sie schildern ihren Alltag zwischen Job und Kindern, sprechen von ihren Zukunftsplänen und ihren Träumen. Die Idee zu ihrem Buchprojekt kam Anna Opel, nachdem sie selbst Mutter geworden war. Sie wollte wissen, ob anderen Frauen das Kunststück gelingt, Beruf und Familie harmonisch zu verbinden. Verdienstvoll an ihrer Textsammlung ist, dass sie Vertreterinnen aller gesellschaftlichen Schichten, die prekär Beschäftigte ebenso wie die Unternehmerin, die Verkäuferin und die Professorin, porträtiert. Neben den Erzählungen jüngerer Frauen stehen die von älteren, neben denen von in Partnerschaft Lebenden die von Alleinerziehenden. Ein spannendes und aufschlussreiches Buch.
Jana Frielinghaus
Cornelia Sperling (Hg): Unternehmenslust – So gestalten Chefinnen die Wirtschaft. Klartext Verlag, Essen 2005, 120 S., 12,90 €.
35 Chefinnen mit ihren einzigartigen Geschichten stellt die Projektentwicklerin und Chefin der Agentur RevierA in diesem reich bebilderten Buch vor. Der Führungsstil der Macherinnen ist modern-kooperativ bis altmodisch-autoritär, sie sind so unterschiedlich wie ihre Arbeitsgebiete es sind, gemeinsam scheint ihnen allen die Lust an der Leitung eines Unternehmens. Cornelia Sperling und ihre „Kolleginnen“ ermutigen zur Selbstständigkeit und fordern Solidarität: Stärken Sie Frauen, die etwas wagen!
gb
Marion Wortmann: Die Lebenslage älterer lesbischer Frauen in Deutschland – Annäherung an ein Thema. trafo-Verlag, Berlin 2005, 150 S., 19,80 €
Das Buch geht der Frage nach, wie das „Lesbisch-sein“ das Alter lesbischer Frauen beeinflusst. Drei Beispiele zeigen, dass die gemachten Erfahrungen als Lesbe sich besonders auf das Verhalten im Alter auswirken. Je positiver diese waren, desto selbstbewusster und offener kann sie im Alter lesbisch leben. Ergänzt wird das Buch mit Informationen über die Geschichte lesbischer Frauen in Deutschland und Forderungen für eine lesbische Seniorinnenpolitik. Das Buch bietet eine Grundlage für weitere Forschungen zu diesem Thema und enthält viele Hinweise, wie in Zukunft mit diesem Forschungsfeld umgegangen werden kann. Schließlich werden auch die Lesben der 2. Frauenbewegung älter und wollen nicht hinter dem Erkämpften zurück.
gb
Eva Blome u.a.: Handbuch zur universitären Gleichstellungspolitik. Von der Frauenförderung zum Gendermanagement? Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005. 6 Abb., 13 Tab. 24, 90 €.
Die Autorinnen dieses sehr umfassenden Handbuchs sind erfahrene Frauenbeauftragte, die vor dem Hintergrund ihrer langjährigen frauenpolitischen Tätigkeit an Hochschulen und den existentiellen Umstrukturierungen an denselben fragen, wie eine zukünftige universitäre Gleichstellungspolitik aussehen kann. Im ersten Teil werden geschichtliche, rechtliche, theoretische und statistische Aspekte referiert, der zweite Teil stellt Strategien und Möglichkeiten der Gleichstellung vor. Hier erfahren die einzelnen Tätigkeitsbereiche vor Ort eine besondere Betrachtung: Stellenbesetzungs- und Berufungsverfahren, Gremienarbeit, Begleitung von Evaluationsprozessen, Öffentlichkeitsarbeit, Beratungstätigkeit (sexuelle Belästigung und Gewalt), Berücksichtigung lesbischer Lebensweisen. Dazu gibt es ein Glossar und einen Index. Für die Arbeit an Hochschulen, egal, in welcher Tätigkeit, unverzichtbar; und vielleicht auch für andere Frauenbeauftragte, z.B. an Bildungseinrichtungen, eine gute Anregung und Weiterbildung.
mv
Geburtstag
Betty Friedan (1921) US-amerikanische Feministin, Psychologin und Sozialwissenschaftlerin