Logo Wir Frauen

Winter 4/2005

Wann ist eine Frau eine Frau

Mit dem Wintersemester beginnt an der Ruhr Universität Bochum ein neuer Studiengang mit dem Titel: "Genderstudies". Mithu Sanyal ging nach Dortmund und sprach mit vier Professorinnen, was man beim Studieren des Geschlechts überhaupt macht.

Als ich in den 1990er Jahren zur Universität ging, lasen Studentinnen, die etwas auf sich hielten, die amerikanische Theoretikerin Judith Butler - oder versuchten es zumindest. Ihre Sprache war witzig und eingängig und dennoch war das, was sie schrieb, schwer verständlich. Denn sie behauptete, mit dem Geschlechterunterschied stimme etwas von Grund auf nicht.

Nun hatte schon de Beauvoir gesagt: "Man wird nicht als Frau geboren, man wird dazu gemacht." Doch das bezog sich auf die anerzogenen Unterschiede im Verhalten und nicht auf den biologischen Unterschied, den Butler in ihrem ersten Buch "Gendertrouble" jetzt ebenfalls in Frage stellte.

Wir verstanden kein Wort - zumindest verstand ich kein Wort - wir fanden es aber erfrischend radikal, zu bezweifeln, dass es so etwas wie Männer und Frauen überhaupt gab, auch wenn Butler das natürlich weder so gemeint noch gesagt hatte.

"Bei Dekonstruktion hat man immer den Eindruck, man hat zuerst etwas, und dann dekonstruiert man es und dann ist da einfach nichts mehr, so ist es ja nicht, so ist es ja nun wirklich nicht,"meint Prof Dr. Astrid Deuber-Mankowski zur Erheiterung der versammelten Bochumer Professorinnen. Auch meine Studienerinnerungen findet die Professorinnenrunde ziemlich komisch. Dass wir uns damals tatsächlich in Kolloquien trafen, um für uns herunter zu brechen, was Frau-Sein ausmachte. Lange Haare und Röcke waren längst von Männern erobert worden. Wenn es allerdings um Geschlechtsorgane ging, gestaltete sich die Sache knifflig. Natürlich leugnete niemand, dass Frauen Kinder bekommen, allerdings hat das mindestens die Hälfte meiner Kommilitoninnen bis heute nicht getan. Aber sie haben zumindest Gebärmütter und damit die potentielle Möglichkeit, Kinder zu bekommen, bis auf Johanna, deren Gebärmutter entfernt wurde. War sie keine Frau mehr? Es gab auch weibliche Säugetiere, die gar keine Vagina hatten oder direkt mehrere davon - und so löste sich alles in Wohlgefallen auf.

Da es keine festen Regeln und Orientierungspunkte mehr gab, erschien eine Weile alles möglich. Ich konnte mir jeden Morgen aussuchen, was ich sein wollte: Mann, Frau oder Ding. Das war die Zeit, als Geschlechterrollen auf allen Bühnen unterlaufen wurden. Madonna hielt in einem Video eine Sonnenmilchflasche vor ihre Vulva und spritze weiße Creme auf den ihr zu Füßen liegenden Mann. Junge Frauen kleideten sich besonders "girly‘ mit rosa Minirock und Haarspängchen, um die ihnen zugeschriebenen Geschlechterrollen zu parodieren. Aber egal, ob Madonna und ich uns Jacketts anzogen, wir waren immer noch wir, ein wenig atemlos, ein wenig verwirrt, aber unverkennbar wir, und irgendwann mussten wir uns wieder ausziehen und dann kam der Moment der Wahrheit.

An diesem Punkt setzte Butlers Theorie an. Sie fragte: Was ist überhaupt Wahrheit? Macht ein Paar Brüste einen größeren Unterschied als eine andere Schuhgröße? Wenn ja, für wen? Natürlich ging es ihr nicht darum, ob Männer auch Brüste haben können und Frauen Bierbäuche. Sie bezweifelte die Folgerungen, die unsere Gesellschaft aus unseren Körpern zieht.

"Ich glaub das ist ein ganz wichtiger Punkt, dass einerseits das Stichwort Geschlecht eins ist, wo alle denken, dazu können sie was sagen, weil wir haben ja alle ein Geschlecht. Wir sind alle Männer oder Frauen, die Dinge dazwischen können wir uns nicht vorstellen und haben dafür auch keine Wörter.“ fällt Dr. Cilja Harders ein.

"Deshalb gibt es glaube ich so ne spontane Zugangsmöglichkeit von allen zu sagen: Geschlecht, ach so, das ist die Frage, aha, kann Angela Merkel Kanzlerin werden. Das ist natürlich ne Frage, die Leute sehr beschäftigt. Ist aber in dem, was Genderstudies sind, die falsche Frage, weil es erstmal gar nicht darum geht zu sagen: So sind Frauen, so ist Politik, und passt jetzt Angela Merkel da hinein? Sondern man würde immer fragen: Wie funktioniert das politische System, welche Partizipationsmöglichkeiten gibt es für Frauen und dann immer auch: welche Strukturbarrieren gibt es für Frauen."

Wenn es überhaupt eine Definition von Frau-sein gibt, die ich über die Jahre brauchbar fand, dann diese: Sich ständig rechtfertigen zu müssen, wenn man im öffentlichen Raum agiert. So wie eine andere Hautfarbe zu haben bedeutet, ständig gefragt zu werden, wo man herkommt und wann man dorthin zurückgeht. Denn Geschlecht ist selbstverständlich nur eine von zahlreichen Kategorien, mit der die Abweichung von der Norm markiert wird. Und die Norm ist nun einmal nach wie vor männlich, weiß, Mittelschicht, mittleren Alters. Alles, was sich davon unterscheidet, ist automatisch "nicht normal" und muss sich an dem, was als normal gilt, messen und seine Verschiedenartigkeit verteidigen.

Als Frau kann man sich ebenso wenig wie als Nicht-Weiße aussuchen, wann und wie man über die eigene Identität diskutieren möchte. Wildfremde Menschen geben dazu ständig hemmungslos ihre Meinung ab. Das hat eine Menge Nachteile, weil es nicht gerade förderlich für das Selbstbewusstsein ist. Der Vorteil: man ist gezwungen, die "Naturgegebenheit" von Kategorien wie "Geschlecht" zu überdenken. In den letzten Jahren sind z.B. zahlreiche Bücher erschienen, die mir im Ernst erklärten, ich sei als Frau aufgrund meiner Gehirnstruktur nicht in der Lage, ein Auto einzuparken oder eine Straßenkarte zu lesen - beides Dinge, die ich bis dahin problemlos konnte. Da fragt man sich doch, woher die Evolution schon vor Abertausend Jahren gewusst haben soll, dass es einmal Autos geben würde.

"Welt an sich gibt es ja nicht, sondern Welt ist immer eine Frage, wie man Welt definiert, wie man sich darüber verständigt, was Welt ist," erklärt Prof. Dr. Eva Warth. "und wenn wir festgestellt haben, dass Gender eine ganz zentrale Ordnungskategorie ist, das heißt eine Kategorie, die sehr stark dazu beiträgt, wie wir die Welt verstehen, und wie sie wirkmächtig wird, dadurch, dass sie uns eine Welt erschafft, ermöglicht sie vielleicht uns auch, etwas daran zu verändern."

Mit diesem Anspruch entstanden Anfang der 1970er Jahre an US-Universitäten die "Womenstudies" Diese Frauenstudiengänge betrachteten jedoch programmatisch nur die eine Seite des Problems, bemängelt Astrid Deuber-Mankowsky: „Die Kategorie Gender ist eingeführt worden, um das zu überwinden. Wenn man nur die Frauen thematisiert und problematisiert, dann können wir bestimmte Phänomene nicht erklären. Und das war dann eigentlich der Beginn der Genderstudies."

Genderstudies brachten Erkenntnisse der Frauen- und Männerstudien zusammen mit anderen Geisteswissenschaften. Daraus entstand ein interdisziplinärer Ansatz, der die Einflüsse der Kategorie Geschlecht auf alle Bereiche des Lebens untersucht. Für meine Kommilitoninnen und mich waren die Genderstudies damit das heißeste Gericht auf der akademischen Speisekarte, da sie neueste wissenschaftliche Forschung und Alltag in einer Form verband, die uns an der Universität schmerzhaft fehlte. Studium hatte plötzlich etwas mit Leben zu tun und Leben mit Politik und so erging es anscheinend nicht nur uns, wie Prof. Dr. Lieselotte Steinbrügge ergänzt: „Ich denke es hängt auch damit zusammen, dass in den letzten 20 Jahren wichtige Impulse für die Forschung der einzelnen Disziplinen vor allen Dingen in den Gesellschaftswissenschaften aus den Genderstudies kamen." 1975 wurden die ersten Studiengänge in Amerika gegründet und im Wintersemester 1997 erreichte diese Entwicklung schließlich auch Deutschland und kam an der TU Berlin an. Andere Universitäten zogen nach - langsam. Die Ruhr Universität Bochum bietet jetzt die erste Möglichkeit eines doppelten Masterstudiums der Genderstudies.

Meine Magisterprüfung machte ich über das Thema "geschlechtergerechte Sprache". Folglich war ich nicht optimal auf die Arbeitswelt vorbereitet. Ich zucke noch immer zusammen, wenn mich jemand als Journalist bezeichnet anstatt als Journalistin. Trotzdem fühle ich mich bei weitem nicht mehr so angreifbar wie als Studentin. Sobald ich die 25-Jahres-Grenze überschritten hatte, rissen mir nicht mehr wildfremde Männer auf der Straße die Fahrradpumpe aus der Hand, wenn ich einen Platten hatte, und riefen entgeistert, ob ich denn keinen Schatz hätte, der das für mich machen könne. Langsam aber sicher wurde ich ernster genommen und begann mich zu fragen, ob nicht eine Menge von dem, was ich für weltbewegende Gedanken gehalten hatte, Haarspalterei gewesen war. Dann bekam ich mein erstes Kind.

Wohlgemerkt, ich spreche hier noch gar nicht von Arbeitsteilung oder den kruden Mythen, die unsere Gesellschaft über Mutterschaft verinnerlicht hat. Ich spreche nur von dem Prozess der Geschlechtsidentifizierung. Ich dachte immer, das wäre eine ganz raffinierte Angelegenheit, und man müsse schrecklich aufpassen, keine unbewussten Vorstellungen weiter zu geben. Die gute Nachricht ist: darum muss man sich herzlich wenig Sorgen machen. Dass, sobald mein Sohn in der Lage war einen Lichtschalter ein und aus zu knipsen, alle begeistert riefen „Der wird mal Elektriker“, störte mich nach dem 20sten Mal kaum noch. Schlimmer war es, in der Babygruppe hören zu müssen, wie eine Mutter sich beschwerte, was für eine harte Aufgabe es sei, ihren Sohn zu einem sensiblen Mann zu erziehen und nicht zu einem chauvinistischen Macho.

Ich blickte auf den drei Monate alten Säugling auf der Krabbeldecke und mein Herz zog sich zusammen.

Lieselotte Steinbrügge erklärt: "Ein wichtiger Punkt ist, dass mittlerweile auch Männer sehen, dass sie nicht nur die Sieger, sondern teilweise auch Opfer des Patriarchats sind."

„Und deshalb glaube ich, dass das natürlich auch in dem Sinne einen politischen Effekt hat, so ein Studienangebot zu machen," fasst Cilja Harders zusammen, "weil wir einfach Leute in einem Bereich qualifizieren, wo jede Veränderung eine politische ist."

Mithu M. Sanyal


Nach oben
Zurück zur Übersicht

Geburtstag

WIR FRAUEN - Das feministische Blatt im Internet

9. September

Margherita von Brentano (1922-1995) deutsche Philosophin

Florence Hervé liest: Frauen und Berge